VOGESEN - Un peu différent


Text: Rüdiger Becker, Fotos: Rüdiger Becker & Dominique Polk

Frankreich statt Deutschland

Ein bisschen anders kann recht viel sein und oftmals sogar mehr als man glaubt. Wer das Gewohnte hinter sich lässt und seine Augen offen hält, der erfährt meist ganz schnell, dass ein bisschen mehr von dem Neuen weitaus weniger von dem Alten bedeutet. Eine Wortspielerei, durchaus – doch in jedem Falle tauglich, die Neugier des Lesers auf meine Geschichte zu lenken. Denn ein bisschen anders wünscht sich doch jeder Motorradreisende sein auserwähltes Reiseziel, will er doch Kontraste erleben und andere Reize spüren als jene der allseits vertrauten Umwelt, die er Heimat nennt.
Antreibende Kraft unserer spontanen Wochenendflucht waren im Großen und Ganzen zwei Zutaten: Lust auf neue Motorradstrecken und die Sehnsucht nach ein wenig Urlaubsflair. Hochdosiert zusammengefügt, geschüttelt und auch gerührt, spürten wir recht schnell die Wirkung dieser Mixtur anhand der intuitiven Sondierung unseres Reiseziels: Frankreich statt Deutschland, Vogesen statt Schwarzwald. Neue Motorradstrecken sollten dort reichlich zu finden sein und auch sonst dürfte alles ein bisschen anders sein…

Ach, ich liebe Frankreich.

Routiniert beladen wir die Mopeds und rollen genüsslich aus der Garage. Keine dreiviertel Stunde später tuckern wir bei Iffezheim über den Rhein und damit auch über die deutsch-französische Grenze. Obwohl in Grenznähe aufgewachsen, ist es jedes Mal etwas ganz Besonderes für mich, in nur so kurzer Zeit auf  dem Staatsgebiet unserer Nachbarn und Freunde zu sein. Und da ist es auch schon – nach gerade mal zwei, drei Kilometern auf französischem Boden stellt es sich ein – dieses vertraute und doch immer wieder kribbelnde Gefühl von Ferne und Freiheit, von Entdeckergeist und Abenteuer. Es braucht manchmal im Leben so wenig, um auf den Kern innerer Zufriedenheit zu stoßen.
Mit einem Dreh am Quirl blase ich das tiefgründige Gedankenmonster unter meinem Helm beiseite. Stattdessen richte ich meinen Fokus auf die Landschaft, die an uns vorbeifliegt. Wir cruisen bereits mitten durch den „Regionalen Naturpark Nordvogesen.“ Meine Augen weiden sich an der weitläufigen Hügellandschaft. Und ich komme nicht umhin, an die anfängliche Wortspielerei zu denken: tatsächlich, hier ist alles ein bisschen anders als in meinem Heimatrevier, dem Schwarzwald: Die Landschaft ist ein bisschen einsamer, die Dörfer ein bisschen heimeliger, die Autos ein bisschen verbeulter, die Motorradfahrer ein bisschen weniger sicher gekleidet, der Bikergruß ein bisschen herzlicher, die Weinkeller ein bisschen stilvoller, die Gerüche aus den zahlreichen Speiselokalen ein bisschen würziger und das Brot in den Bäckereien ein bisschen weißer. Ach, ich liebe Frankreich.

Es sind diese Momente beim Motorradfahren...

Bei Phalsbourg biegen wir in südliche Richtung ab – fortan unser Kurs. Wir wollen hinein ins alpine Herz des ostfranzösischen Mittelgebirges. Erste Höhenmeter tanken wir am Col du Donon, nur um diese im Tiefflug hinab ins  malerische Breuschtal wieder zu vernichten. Entlang des Silbertals und stetig der Lièpvrette folgend, erreichen wir bei tief stehender Sonne Ribeauvillé. Das zum Département Haut-Rhin gehörende Städtchen ist ein echtes Juwel.

Zu Füßen der trutzigen Felsenburg Château de St. Ulrich gelegen und eingerahmt von weitläufiger Reblandschaft, verdreht Ribeauvillé seinen Besuchern mit farbenprächtigen Fachwerkbauten entlang verschlungener Gässchen und urigen Weinkellern, in denen die edlen und berühmten Tropfen der Elsässer Weinbaugebiete genossen werden können, den Kopf.

Nicht weniger Umdrehungen als die heimischen Weine hat die sich vor uns räkelnde D 415, die mit bestem Asphalt prahlt und uns auf den 949 m hohen Col du Bonhomme katapultiert. Beschaulich geht es auf der D 61 zu. Wir bummeln im Wohlfühltempo in kühler Höhenluft auf der Route des Crêtes, der Vogesenkammstraße, durch den Naturpark „Ballons des Vosges.“ Es sind diese Momente beim Motorradfahren, die fast schon meditativen Charakter haben: die leichten Vibrationen des Einzylinders, das Sausen des Windes in den Ohren, die Augen weiden sich an der wundervollen Natur. Sonst ist da nichts. Keine Termine, keine Zwänge, keine Alltagsroutinen.

Genüsslich gleiten wir auf kurvenreicher Strecke ins Tal hinab.

Wie Bergsteiger verleiben wir uns Höhenmeter um Höhenmeter ein. Eine Atempause inklusive Fotostopp gibt’s am Col de la Schlucht, eine feste Instanz und ein altbekannter Name unter den Radfans. Zuletzt im Jahre 2014 kämpften hier die besten Bergfahrer der Welt um einen der begehrten Etappensiege bei der Tour de France.

Luftige Begleitung haben wir auf unserem Weg zum Treh bei Le Markstein. Unter schneeweißen, die thermischen Aufwinde anzeigenden Kumuli kreisen munter eine Handvoll Piloten. Wie verstreute Farbklekse eines Werks abstrakter Kunst erscheinen die kunterbunten Gleitschirme am endlosen Himmel.

Viel Zeit zum Staunen bleibt nicht. Ein anderes Highlight buhlt um unsere Aufmerksamkeit: zu unserer Rechten, tief unten im Tal, erstreckt sich der Lac de Kruth-Wildenstein. Sein dunkles Blau bildet einen reizvollen Kontrast zum saftigen Grün der Bergwiesen. Genüsslich gleiten wir auf kurvenreicher Strecke ins Tal hinab.

In einer ausgedehnten Schleife erkunden wir die Südvogesen. Menschenleer und einsam wird es hinter Saint-Maurice-sur-Moselle am Oberlauf der Mosel.  Sewen, Dolleren, Oberbruck: wir bestaunen die Abgeschiedenheit und Idylle einiger Dörfer, können uns kaum satt sehen an der weitläufigen Landschaft mit ihren tiefen Wäldern, sonnengelben Feldern und in der Ferne leuchtenden Wiesen. Erneut fahren wir wie in Trance. Welch Glück, dass der Verkehr hier gegen Null tendiert.

Etwas unterhalb des Gipfels werden wir fündig.

Am nächsten Morgen decken wir uns in einer kleinen schmucken Bäckerei in Thann für ein Frühstück in den Bergen ein. Ein Baguette wandert in unsere Koffer. Als Dessert entscheiden wir uns für „Éclair“, ein längliches, glasiertes und mit Sahne und Erdbeeren gefülltes Gebäck aus Brandmasse. Wir werfen die Motoren an, schlängeln uns durch zähen Berufsverkehr aus der Stadt und peilen unseren bereits aus der Ferne ersichtlichen Frühstücksplatz an: den Grand Ballon, der mit 1424 Metern Höhe die höchste Erhebung der Vogesen darstellt. Der Straßenbelag erlaubt uns sportliche Schräglage und so nutzen wir den zweirädrigen Aufstieg, um bereits etwas von dem anstehenden, hoch kalorischen Frühstück zu verbrennen.

Etwas unterhalb des Gipfels werden wir fündig. Wir klappen die Seitenständer herunter, schwingen uns aus den Sätteln unserer Motorräder und kredenzen unsere morgendliche Brotzeit auf einer nahegelegenen Almwiese. Die französische Backkunst schmeichelt unseren Gaumen, das dargebotene Panorama unseren Augen. Wir blicken weit nach Osten, schweifen entlang den markanten Westausläufern des mittleren und südlichen Schwarzwaldes und erhaschen sogar einen Blick auf die mächtigen Riesen der Alpenkette.

Ich schmunzle innerlich, als ich mir klar wird, dass ein bisschen Reise weitaus mehr ist als nur ein bisschen an einem anderen Ort zu sein. Denn auf Reise ist einfach alles un peu différent…

Kategorie: Adventure | Travel