Tour de France


Teil 7: Die Normandie | Text und Fotos: Prof. Michael Hoyer

Teil 7: Die 3 C’s für die Normandie

Calvados, Cidre, Camembert – die Normandie wird auch das „Land der drei C“ genannt. Nicht ganz fehl am Platz wäre sicher noch ein „W“ für „Wechselhaftes Wetter“. Denn Motorradfahren in der Normandie ist selbst im Sommer etwas für wettererprobte Fahrer mit einem Faible für raues Klima. Die Reise aber lohnt sich, denn die Region ist fahrerisch eine wahre Perle.
Tolle Strände, fantastische Klippenformationen, pittoreske Hafenorte und jede Menge Historisches: Eine Fahrt entlang der Normandie-Küsten führt automatisch zu den Schauplätzen der größten Befreiungsschlacht im zweiten Weltkrieg sowie zu zwei atomaren Wiederaufbereitungsanlagen.

Der letzte Teil meiner Tour de France beginnt. Ich bin von Morlaix zügig bis zu einem der französischsten Plätze neben dem Eifelturm und Notre-Dame gereist. Ich befinde mich in Pontorson unweit vom Mont Saint Michel. Es ist später Vormittag und eigentlich genau die richtige Zeit für eine Audienz bei dem mythischen Klosterberg. Der an der Grenze zur Bretagne aus dem Meer ragende Granitfelsen, gekrönt von den Türmchen und Dächern einer Abtei, ist eine der markantesten Silhouetten der Christenheit und, wen wundert’s, zumindest tagsüber umbrandet von touristischen Fluten. Ich versuche irgendwie näher an den Mont Saint Michel heranzukommen – aber auch hier ist den Touristen sehr gekonnt Einhalt geboten. Bereits weiträumig sind alle Zufahrten gesperrt und man kommt nur auf die vorgesehenen Parkplätze um dann entweder zu Fuß oder mit einem speziellen Bus zu dem Klosterberg zu gelangen.

Riesige Hecken sind der perfekte Sichtschutz, sodass man nur in großer Entfernung den Saint Mich, wie ihn die Einheimischen nennen, zu sehen bekommt. Ich fahre ein bisschen weiter und halte weniger Kilometer später bei einem großen Bauernhof. Der Bauer kommt gerade von der Arbeit auf den Feldern. „Oh, là là, une BM“, bemerkt er beim Blick auf meine schmucke Reisebegleiterin. Eine „BM“ ist die Abkürzung für eine BMW – und der Passant bemerkt fröhlich, dass dieses Motorrad ja wunderschön sei und in den Farben der französischen Trikolore daherkomme. Ich frage ihn, ob es nicht möglich sei für ein schönes Erinnerungsfoto mit dem Motorrad näher an den Saint Mich heranzukommen. Er lächelt und sagt, ich könne gerne hinter seinen Hof fahren und dort ein Stück weiterfahren – dort hätte ich dann bestimmt einen schönen Fotohintergrund… Merci bien.

Am nächsten Tag breche ich bei Sonnenschein auf und erlebe fahrerisch einen weiteren Höhepunkt, denn die Küstenstraßen der Halbinsel sind wirklich malerisch schön und kurvenreich. Besonders die „Route des Caps“ am nördlichen Zipfel ist ein Highlight für jeden Motorradfahrer. Fahrerisch anspruchsvoll und eine Einladung zur Kurvenhatz. Ich sause durch eine Landschaft, die sich auch von dem bisher Gesehenen unterscheidet. Bröckelnde Steinmauern, wilde Farnbüsche und felsige Landzungen säumen meinen Weg.

Die Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ist ein großer Industriekomplex im Gebiet La Hague. Der etwa 2,5 Kilometer lange und etwa einen Kilometer breite Komplex ist ein gewaltiger, mit Stacheldraht und vielen weiteren Sicherungsmaßnahmen umgebener Atomstandort.
Gegenwärtiger Hauptzweck dieser Wiederaufarbeitungsanlage ist die Trennung von Bestandteilen aus abgebranntem Kernbrennstoff. Dieser enthält etwa 96 % Uran, 1 % Plutonium und 3 % Spaltprodukte. Es sind zwei Anlagen am Standort La Hague in Betrieb. Sie sind speziell für die Wiederaufarbeitung von oxidischem Brennstoff aus Leichtwasserreaktoren ausgelegt. Die eine Anlage ist für den französischen Bedarf, die andere Anlage für die Wiederaufarbeitung ausländischer Brennelemente vorgesehen. Ein gruseliges Szenario breitet sich vor meinen Augen aus, wenn ich darüber nachdenke, was hier passieren könnte, wenn ähnliche Unfälle wie in Tschernobyl oder Fukushima passieren würden.

Ich bin froh, diesen Ort wieder schnell zu verlassen und erfreu mich nur wenige Kilometer weiter wieder an den Naturschönheiten der Normandie. Da ist beispielsweise der Leuchtturm „Phare de la Hague“. 1825 startete ein landesweites „Allgemeines Programm zur Beleuchtung der Küsten Frankreichs“. Im Rahmen dieses Vorhabens wurde der Leuchtturm auf einem der Kanalküste vorgelagerten Felsen namens Gros du Raz errichtet und ging am 1. November 1838 in Betrieb. Nach mehreren Modernisierungen in den 1950er Jahren wurde der Phare de la Hague 1971 elektrifiziert und 1989 automatisiert. Die letzte Besatzung von Leuchtturmwärtern verließ den Turm im Mai 1990; seitdem wird dieser ohne Personal vor Ort betrieben. Im Jahr 2009 wurde der Turm zum Monument historique erklärt.

Die Normandie ist für mich unweigerlich ein Synonym für die Befreiung Europas – ja der Welt von dem Hitler-Regime im Zweiten Weltkrieg. Der Krieg ist lang vorbei, wir Deutschen sind Gäste wie andere auch. Und dennoch werde ich mir an solchen Orten immer bewusst, welch grauenvolle Vergangenheit wir Deutschen produziert haben. Ich war an Orten wie Ausschwitz, Verdun usw. und immer habe ich dort das beklemmende Gefühl, dass wir Deutschen der Welt noch viel zurückzugeben haben. Unter dem Tarnnamen Overlord erfolgte 1944 die Landung amerikanischer, englischer und kanadischer Truppen im von der Wehrmacht besetzten Nordfrankreich. Aufgeteilt auf die Abschnitte Sword Beach, Juno Beach, Gold Beach, Omaha Beach und Utah Beach, ging hier am frühen Morgen des 6. Juni 1944 – dem D-Day – eine gewaltige Armada an Land: 6000 Schiffe und 13000 Flugzeuge setzten innerhalb weniger Stunden 160000 Soldaten ab.

Weitere zwei Millionen Soldaten und 400000 Fahrzeuge folgten. Am 21. August 1944 war für die Deutschen die Schlacht um die Normandie verloren, drei Tage später Paris befreit. Bei den wochenlangen Kämpfen starben schätzungsweise 200000 Soldaten der Alliierten, 350000 Angehörige der Wehrmacht und 50000 französische Zivilisten. Zum Gedenken an die Toten reisen alljährlich am 6. Juni Veteranen und deren Nachkommen an die blutgetränkten Strände, die ihre alten Codenamen bis heute behalten haben.

Ich selbst besuche die Orte Omaha- und Utah-Beach, Sainte Mère Eglise sowie Pointe du Hoc. Der Voie de la Liberté ist eine historische Strecke in Nordfrankreich, Luxemburg und Belgien, welche den Verlauf der Befreiung durch die Alliierten nach dem D-Day Ende des Zweiten Weltkrieges darstellt. Die Länge beträgt 1446 km, jeder Kilometer ist durch einen Kilometerstein (Borne) markiert. Der Voie de la Liberté hat im Prinzip zwei Startpunkte – einmal der Utah-Beach weil hier die Alliierten zum ersten mal französischen Boden betraten sowie die Ortschaft Sainte Mère Eglise, weil von hier aus die ersten Kampfhandlungen nach dem D-Day koordiniert wurden. Der Voie de la Liberté endet im luxemburgischen Bastogne. Auch wenn ich politisch in der heutigen Zeit mit vielen Entscheidungen der Briten sowie der Amerikaner nicht übereinstimme, so stelle ich an solchen Orten fest, dass ich meine persönliche Freiheit als Deutscher ein sehr selbstbestimmtes Leben führen zu können, genau den Soldaten und Strategen des D-Day mit zu verdanken habe. Daher sende ich an dieser Stelle ein stilles: „Thank you“ sowie „mercie bien“.

Weiter geht meine Fahrt über Cherbourg in Richtung Le Havre und der für die Normandie so wichtigen Ortschaft Camembert. Ja – diese Ortschaft heißt wie der französische Weichkäse, der unter den Gourmets so hoch gehandelt wird. Die erste Aufzeichnung der Produktion von hochwertigem Käse in der Ortschaft Camembert stammt von 1708. Dieser hatte aber wohl wenig mit dem heutigen Camembert gemeinsam und war kleiner und bräunlich. Da der Ort Camembert nur 13 km von Livarot entfernt liegt, nimmt man an, dass Camembert und Livarot im 17. Jahrhundert noch ein und derselbe Käse waren. Seine Existenz verdankt der Käse einer Legende nach der Bäuerin Marie Fontaine Harel aus dem Dorf Camembert in der Normandie.

Die Fahrt geht weiter in den Norden. Immer wieder schlängelt sich die Straße in hübsche Küstenorte hinab, bis ich schließlich ein echtes Highlight meiner Tour erreichen: le Pont de Normandie. Die längste Schrägseilbrücke Europas überspannt die Seine-Mündung zwischen den beiden Regionen Haute-Normandie und Basse-Normandie – mit grandiosem Ausblick. Während man mit maximal erlaubten 70 km/h die Brücke erklimmt, schaltet man als Motorradfahrer besser einen Gang zurück, um auf die Böen reagieren zu können, die auf einen einpeitschen, sobald man den Windschatten von Lastwagen oder Brückenpfeilern verlässt. Ganz klein fühle ich mich da oben mit der WordTravelEdition. Die Überquerung dieser Brücke ist ein spektakuläres Erlebnis, das für Motorradfahrer sogar kostenlos ist.

Le Havre, am rechten Ufer der Seinemündung liegend, ist nach Marseille Standort des zweitgrößten Hafens Frankreichs. Nach Einwohnerzahl ist Le Havre die größte Stadt der Normandie, flächenmäßig die zweite nach Rouen. Die Stadt wurde nach den schweren Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg komplett neu aufgebaut. Der Stadtkern mit einer charakteristischen farbigen Betonarchitektur ist eines von zwei Stadtensembles des 20. Jahrhunderts in der Liste des UNESCO-Welterbes (Juli 2005). Ein weiteres Highlight dieser Stadt ist sicher die die Kirche Saint-Joseph. Der Besuch dieser Kirche ist ein Muss in der Stadt. Dieses von Auguste Perret geschaffene Meisterwerk kann nur erstaunen. Tritt man ein in diese Kirche dann entdeckt man eine unglaublich majestätische moderne Kirche. Die Kirche Saint-Joseph ist ein Leuchtturm im Herzen der Stadt. Den Opfern des Zweiten Weltkrieges gewidmet, ist sie ganz aus Beton und Glas. Sie hat 12 768 Glasfenster, die Licht in das Innere bringen. Bei schönem Wetter ist sie bis zu 60km weit sichtbar. Der oktogonale Turm mit einer Höhe von 110m vereint sich über einen viereckigen Grundriss mit dem Chor und dem Schiff. Die Kirche ist ein Meisterwerk der Architektur des zwanzigsten Jahrhunderts und so manch einem stockt der Atem vor so viel Schönheit.

Tausendmal auf Bildern gesehen, und dann nicht selbst geknipst – das darf nicht sein. Die Küste von Étretat mit der markanten Falaise d’Aval und der vorgelagerten Felsnadel Aiguille ist neben dem Mont Saint Michel das Wahrzeichen der Normandie, wenn auch schwerer zu finden. Bekannt ist Étretat vor allem durch die steilen Felsklippen mit ihren außergewöhnlichen Felsformationen, die den Ort auf beiden Seiten umrahmen.

Der Wettergott meinte es eigentlich durchgängig auf meiner Tour de France immer (oder fast immer) gut mit mir. In der Normandie ist es ganz normal, dass schnell Regen aufzieht, der sich dann aber auch wieder schnell verflüchtigt. So erlebe ich auf meinen letzten Kilometern in Richtung Calais noch einmal alle Wetter und bin einmal mehr froh darüber, well equiped mit dem Companero Motorradanzug zu sein. Bei einer Reise mit dem Motorrad sind viele kleine Details darüber entscheidend, ob man Fahrspaß und Freude hat – oder eben nicht. Ganz wichtig für mich ist die Wahl der richtigen Kleidung. In den vergangenen Tagen und Wochen hatte ich häufig Temperaturen über 35 Grad Celsius. Da ist der winddurchlässige Sommer-Companero sehr gut. Und wenn es dann der Wettergott wie jetzt in der Normandie nicht so gut meint und die Schleusen der Himmelspforten mit starken Regengüssen öffnet, dann hat man schnell den Überanzug an und ist für alle Wetter bestens gerüstet.

Von Étretat aus beginne ich mit der Heimreise. Cer Corona-Virus schlägt wieder verstärkt um sich – und sind Calais und Ille zu neuen Hotspots geworden. Ich reise schnell und unkompliziert über die französische Autobahn in Richtung Heimat. Auf der Höhe von Metz sehe ich die großen Autobahnschilder die auf die Schlacht von Verdun im Ersten Weltkrieg hinweisen. Ich setze den Blinker für die nächste Ausfahrt. Verdun ist eine Kleinstadt im Nordosten Frankreichs am Ufer der Maas. Die Schlachtfelder von Verdun sind von Museen und Gedenkstätten geprägt, darunter das Beinhaus von Douaumont mit den Überresten von mehr als 100.000 Soldaten. 300 Tage und 300 Nächte Kämpfe ohne Waffenruhe, 300.000 Tote und Vermisste, 400.000 Verletzte auf deutscher und französischer Seite. Die Schlacht um Verdun 1916 ist ein frontaler Zusammenstoß, der mörderischste der Geschichte, zwischen Frankreich und Deutschland. Dieser Vernichtungskampf, begleitet von einem nie gesehenen Artillerieduell, ist Symbol und Sinnbild des totalen Krieges. In Verdun vereinen sich zwei wichtige Weg. Der Voie Sacrée, ein Nachschubweg der Franzosen von Bar-le-Duc kommend um den Vernichtungskampf im ErstenWeltkrieg in Verdun zu beenden. Der zweite Weg ist der Voie de la Liberté aus der Normandie kommend. Das Mahnmal dieser beiden wichtigen Wege soll uns daran erinnern, dass Krieg keine Option ist.

Und dann ist plötzlich am nächsten Tag Schluss und ich bin wieder zu Hause. Ich war 37 Tage unterwegs. Das sind 888 Stunden oder 53.280 Minuten oder 3.196.800 Sekunden. Ich bin 8712 Kilometer gefahren. Das sind 8.712.000 Meter. Somit bin ich pro Sekunde 2,725 Meter gefahren oder täglich im Schnitt 235,46 Kilometer. Dabei fällt mir auf, dass ich an zwei Tagen gar nicht gefahren bin, da es da fürchterlich regnete. Das Moped war äußerst genügsam und hat im Schnitt 5,3 Liter auf 100 Kilometer Benzin verbraucht – Öl musste nie nachgefüllt werden. Das Moped hat den Hinterreifen glatt geschmirgelt. Der Stollenreifen verfügt in der Mitte über KEIN Profil mehr. Ich habe auf meiner Reise 2.255.666 Kurven rasiert (ich habe jede einzelne mitgezählt).

Ich war 37 Tage unterwegs. Bin ich jetzt ein Langzeitreisender…? Ich kenne ja viele Weltreisende und Langzeitreisende durch unsere Vortragsreihen. Da habe ich mal vorsichtig nachgrafragt, ab wann man sich eigentlich Langzeitreisender nennen darf. Die Meinungen gingen total auseinander. Die einen meinten, dass man ab vier Wochen zu den Langzeitreisenden gehört andere meinten, dass man mindestens ein Jahr unterwegs sein müsste. Also – diese gut fünf Wochen waren jetzt sehr schön – aber es reicht mir jetzt auch. Die Tage verlaufen ja doch sehr ähnlich: Mopefahren – Hotel suchen – Duschen - Flüssigkeitsverlust durch Wasser auffüllen - Datentransfer der produzierten Fotos/Videos - Datenbearbeitung - Aufnahme von fester Nahrung - Aufnahme von Alkohol - Schlafen - Aufnahme von Kaffee und Croissant - Kurze Datenbearbeitung - Beladen des Mopeds - Mopedfahren – REPEAT.

Ich war 37 Tage unterwegs. Ich war immer allein – aber nie einsam. Alleinsein ist objektiv gesehen nichts weiter als ein Zustand. Ich kann alleine mit dem Moped um Frankreich fahren. Ich kann alleine durch kleine Dörfer laufen und alleine einen Kaffee trinken und zwar ohne mich einsam zu fühlen. Einsamkeit hingegen ist ein Gefühl und beschreibt das innere Befinden.
Ich war 37 Tage unterwegs. Ich habe fast jede Nacht in einem anderen Hotel/Gite d’Etappe/Albergo genächtigt. Ich habe abends in kleineren und größeren Restaurants gegessen. Leider muss ich feststellen, dass sich die Franzosen sehr nachteilig entwickelt haben. Ich kannte die Franzosen aus vielen Reisen aus den vergangenen Jahren immer als freundliche und sympathische Gastgeber. Ob das nun an Corona oder einfach nur am Zeitgeist liegt, weiß ich nicht. Als Alleinreisender waren die Wirte sehr häufig sehr unfreundlich, verweigerten mir einen Tisch (den könnte man ja besser an zwei Gäste vergeben) oder ließen mich sehr lange warten. Die Hotels waren allesamt in eher desolaten Zuständen und trotzdem sehr teuer. Als Mopedfahrer hat man eigentlich nicht so große Ansprüche. Ich möchte gerne einen Parkplatz möglichst in der Nähe des Eingangs (da findet sich eigentlich IMMER ein Plätzchen – wenn man will) – Internet – Dusche – Essen… Insgesamt waren es vier Hoteliers, die das verstanden hatten. Beeindruckend bei dieser Erkenntnis – das waren vier Hoteliers die jeweils ein altes Hotel hatten – das sie aber gut in Schuss gehalten hatten. Wahrscheinlich waren deren Eltern bereits Hotelier… Also – kurz gesagt – ich habe mir zwar geschworen, dass ich nicht mehr campen und zelten gehe, wenn ich mit dem Moped reise – ABER – Frankreich ist kein gutes Land für das traveln von Hotel zu Hotel…

Ich war 37 Tage unterwegs. Am meisten hat mich ein ganz unscheinbares Teil an meinem Moped überrascht. Der Sattel: Ja schon klar – da steht Touratech drauf und verspricht schon daher beste Qualität. Aber dieser Sattel ist wirklich PERFEKT. Dieses Attribut trifft auch auf das gesamte Moped zu. WorldTravelEdition by Touratech. Ich war nur in Frankreich – nicht in der Welt unterwegs. Trotzdem, dieses Moped ist jeden Cent wert. Schade – unsere Wege werden sich in den kommenden Tagen wieder trennen. Ich werde den Schlumpf (so habe ich die farbenfrohe BMW GS 1250 in der Anmutung der französischen Trikole genannt) in bester Erinnerung behalten.


Ich war 37 Tage unterwegs. Ich habe viel nachgedacht. Ich habe viele Ideen für die Zukunft entwickelt – und einige wieder verworfen. Ich habe einige Entschlüsse gefasst und verschiedene Vorsätze auf meine To-Do-Liste gesetzt. Bedingt durch die Corona-Krise hatte ich ja bereits sehr frühzeitig gesagt, dass ich das Jahr 2020 NICHT zu einem Katastrophenjahr verkommen lassen möchte. Wenn einem als Segler der Wind ausgeht, dann muss man eben rudern. Ich möchte an Silvester dieses Jahr ein Glas Sekt (es geht auch Champagner) in der Hand halten und sagen: WOW – was für ein tolles Jahr 2020! Diesem Ziel bin ich mit meiner Tour de France nähergekommen. Ich habe viel Lebenserfahrung gemacht (das darf man durchaus wörtlich nehmen – es waren ja 8712 Kilometer): In Savoyen war ich überrascht - auf dem Monte Saccarello habe ich gelacht – an der Cote d’Azur habe ich geschwitzt – in den Pyrenäen habe ich in Erinnerungen geschwelgt – an der Atlantikküste habe ich gestaunt – in der Bretagne habe ich das Leben genossen – in der Normandie war ich beeindruckt.

Teil 6: Die Bretagne

Bestimmt kann man in der Bretagne auch hübsch durchs Landesinnere mit dem Motorrad gondeln, aber grandioser ist die zerklüftete, vom Atlantik umtoste Küste mit ihren markanten Kaps, Leuchttürmen und Häfen.

Die Bretagne ist die nordwestlichste Region Frankreichs und eine hügelige Halbinsel, die in den Atlantik hineinragt. An der langen, zerklüfteten Küste finden sich zahlreiche Badeorte wie das schicke Dinar und das von Mauern umgebene Saint-Malo, das auf Felsen im Ärmelkanal erbaut wurde. Die Côte de Granit Rose ist für ihren ungewöhnlichen, rötlichen Sand und Felsen in der gleichen Farbe berühmt. Auch die zahlreichen prähistorischen Menhire – eine Art von Megalithen – der Bretagne sind berühmt.

Grandiose Landschaften, unverbrauchte Natur und eine lebendige Kultur sind die drei wichtigsten Höhepunkte der Region. Entlang der Küstenlinie lohnt nahezu jedes Sträßlein eine Erkundung, führt es einen doch zu herrlichen Stränden und atemberaubenden Felsformationen. Die Städte und Dörfer an der Küste haben sich dem Tourismus zugewandt, im Hinterland, in der Kornkammer Frankreichs, gibt es noch viel Ursprünglichkeit zu entdecken. Sehenswerte Städte gibt es viele. Eine davon ist sicherlich Pont Aven. Dieser kleine Mühlen-Ort schmiegt sich idyllisch in die grüne Flussmündung des gleichnamigen Flusses Aven.

Berühmt geworden ist er vor allem, weil Paul Gauguin hier im 19. Jahrhundert dreimal die Sommermonate verbrachte und viele seiner berühmtesten Werke genau hier entstanden. Beim Schlendern durch den Ort und über die Brücken kann man sich lebhaft vorstellen, wie die Poesie dieser Landschaften Künstler damals und heute begeistern. Es ist schwer zu sagen, welches die wohl schönste Stadt in der Bretagne ist – sicher ist, dass mein nächster Halt zu einem der schönsten und sicher typischsten Plätze der Bretagne zählt. Concarneau ist ein Juwel von einer Stadt, deren Altstadt wie eine Halbinsel im Meer liegt und die von Festungsmauern umgeben ist. Dieser Stadt kann man schwerlich widerstehen. Die befestigte Stadt ist einer der am häufigsten besichtigten Orte der Bretagne. Im Sommer sollte man sie am besten am Morgen besichtigen. Von diesem schönen Städtchen ist es nicht weit zu meiner nächsten Station: Quimper. Hier möchte ich zwei Tage verweilen und – gepäckbefreit – weiter durch die Bretagne reisen. In Quimper ist es ein wahres Vergnügen, durch die Gassen der Stadt zu schlendern. Fachwerk- und Erkerhäuser neigen sich zu den Gässchen mit den klingenden Namen, auf die auch die Turmspitzen der Kathedrale Saint-Corentin verweisen.

Quimper ist ja für viele Dinge ein Geheimtipp in der Bretagne. Heute weiß aber fast jeder Tourist, dass man die besten Galettes in Quimper bekommt. Das ist also kein Geheimtipp mehr. Und in der Tat – in der Stadt wimmelt es nur so vor feinsten Restaurants, die die bretonische Spezialität anbieten. Ein Galette (bretonisch Krampouezhenn) ist ein aus der Bretagne stammender Buchweizenpfannkuchen. Er ist die herzhafte Variante der im deutschen Sprachraum bekannteren Crêpe. Für alle süßen Crêpes verwendet man Weizenmehl (blé oder froment) und für alle herzhaften Crêpes nimmt man Buchweizenmehl (sarrasin oder blé noir). Dann heißen sie nicht mehr Crêpes, sondern Galettes. Traditionell besteht der Teig nur aus Buchweizenmehl, Salz und Wasser. Dadurch erhält er eine graue Farbe. In manchen abgewandelten Rezepten kommen Eier, Milch, Honig oder etwas Öl in den Teig. Außerdem wird der Geschmack teilweise mit Weizenmehl im Verhältnis 1:10 bis 1:2 zum Buchweizenmehl abgerundet. Im Departement Finistère, ganz im Nordwesten der Bretagne spricht man jedoch in der Regel nicht von Galettes, sondern von “Crêpes au blé noir” oder “Crêpes au sarrasin”. Belegt werden die Galettes mit allem, was man sich so vorstellen kann. Von frischen Austern, über sämtliche Gemüsesorten, Käse, Schinken, Eier bis hin zu Fisch. Abgerundet wird so ein wunderbares Essen mit einem Cidre – der prickelnden Erfrischung für laue Sommernächte. Wenn Apfelsaft solange vergoren wird, bis sich Kohlensäure bildet, dann entsteht das bretonische Nationalgetränk Cidre. Der Obstwein verleiht dem Galette eine besondere Note – man kann ihn aber natürlich auch ohne Galettes genießen.

Am nächsten Tag steht eine der vielleicht schönsten Touren in der Bretagne auf dem Plan. Von Quimper aus ist es nur einen Katzensprung bis nach Locronan. Die bretonische Perle hat es mit ganz wunderbaren Argumenten geschafft, in den exklusiven Club der ‚Besonders malerischen Orte‘ der Bretagne und der „Schönsten Dörfer Frankreichs“ aufgenommen zu werden. Wenn man zu Fuß die bezaubernden Häuser am schönen Marktplatz mit seinem Brunnen in Augenschein nimmt, dann könnte man fast meinen die Zeit hier seit Jahrhunderten stillsteht.

Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass Locronan immer wieder für historische Filme als Kulisse verwendete wird. Weiter geht es – immer ganz eng an der Küste entlang zu einer besonderen und gleichzeitig berühmtesten Landspitze in Europa. Der Pointe du Raz zeugt mit der riesigen zerklüfteten Steilküste (70 m hoch) von der Gewalt der Elemente. Das Panorama ist unvergleichlich: Man überblickt den Raz de Sein (Leuchttürme Phare de la Vieille und Phare de Tévennec, die Insel Sein in 8 km Entfernung, das Fahrwasser Chaussée de Sein). Im Hintergrund ragt der berühmte Leuchtturm Ar Men aus den Wellen, der bekannteste und am weitesten von der Küste entfernte Leuchtturm Frankreichs, dessen Bau 34 Jahre dauerte.
Zu beiden Seiten sieht man die Bucht von Audierne, die Baie des Trépassés („Bucht der Verstorbenen“), die Pointe du Van, die Bucht von Douarnenez und das Cap de la Chèvre, bewacht von der alten Statue Notre-Dame des naufragés („unsere liebe Frau der Schiffbrüchigen“) und dem Semaphoren.

In der Nähe der Pointe du Raz befinden sich Geschäfte und Restaurants. Das Besucherzentrum verfügt über einen Filmvorführsaal mit 100 Sitzen und einen Ausstellungsraum. Logisch, dass dem Zeitgeist folgend, die Franzosen diesen Flecken touristisch vermarkten. Als ich hier vor knapp 20 Jahren das erste Mal ankam, konnte man fast bis an die Klippen mit dem Auto heranfahren. Ein kleiner, klappriger Holzzaun verhinderte dann die Weiterfahrt. Heute wird man als Tourist am Pointe du Raz bereits weiträumig vor der grandiosen Landschaft abgefangen. Vollautomatische Parplatzleitsysteme steuern den Verkehr – und sogar als Motorradfahrer muss man hier 5 € (!) Parkplatzgebühr berappen. Tja – ich weiß nicht ob früher alles besser war – aber vieles war einfacher. Und dennoch, die Landspitze Pointe du Raz muss man gesehen haben.

Gepäckbefreit wedele ich am nächsten Tag von Quimper aus über kleinste Stäßchen entlang der Küste zu den großen Badeorten der Bretagne. Besonders beliebt sind hier sicher Beg-Meil und Bénodet. Auch wenn man in der Bretagne wohl nie für sich alleine ist, so kann man die großen Plätze mit viel Trubel und Menschenansammlungen gut meiden und einfach auf kleine Sträßchen und Wege ausweichen.

Unweit dieser beiden Touristenhochburgen treffe ich ganz abseits der Touristenströme in einem winzig kleinen Weiler Jaques. Er ist gebürtiger Bretone und hat jede menge Benzin im Blut. Schnell führen wir ein intensives Gespräch über die Möglichkeit mit 135 PS auf zwei Rädern oder mit 24 PS auf vier Rädern zu reisen. Mein Motorrad ist fast brandneu – der alte Renault von Jaques ist Baujahr 1954 und seit zwanzig Jahren funktioniert der Kilometerzähler nicht mehr. Jaques schaut ein bisschen neidisch auf meine WorlTravelEdition BMW GS1250 und mein augenzwinkernd, dass dieses Gefährt doch vielleicht ein bisschen zu schnell für ihn sei – er würde nämlich Vollgas fahren (müssen).

So führt mich dann der Weg weiter zu der Ortschaft Penmarc’h sowie dem Leuchtturm Phare d’Eckmühl. Der am 17. Oktober 1897 eingeweihte Phare d’Eckmühl ist mit 60 m Höhe einer der höchsten Leuchttürme Europas. Der Turm sichert eine der aufgrund vieler Felsen gefährlichsten Küsten Frankreichs. Und selbstverständlich muss ich als Fotograf versuchen, diesen Leuchtturm und mein Motorrad auf ein Bild zu bannen. Gar nicht so leicht diese Aufgabe. Also zirkele ich recht leichtfüßig das ca. 260 Kilogramm schwere Fahrzeug auf einen Gehsteig unmittelbar in der Nähe des Leuchtturms. Dann habe ich das Bild gemacht, schwinge mich wieder auf das Moped - starte den Motor des Boliden und möchte mich mit dem linken Fuß noch einmal vom Boden abdrücken und stelle dann fest, dass das Moped auf dem Bürgersteig stand und mein linker Fuß ins Leere tritt. Der Bolide schwankt gefährlich nach links und ab ca. 20% Schräglage kann man 260 Kilo Moped nicht mehr halten und fliege mit dem Moped aus dem Stand auf die Straße... Soweit so peinlich. Sofort kommen zwei freundliche Franzosen um sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung ist, was ich bejahe... Natürlich bin ich adrenalindurchflutet und erst nach einigen Sekunden höre ich eine Stimme aus dem Motorrad. Eine deutsche Stimme fragt mich, ob alles in Ordnung sei, ob eine Ambulanz, Notarzt, Abschleppdienst informieren müsse. Ziemlich hektisch verneine ich alles. Um das ganze abzukürzen. Das Moped verfügt über einen SOS-Notruf. Und sobald das Moped auf der Seite liegt, wird der Notruf aktiviert und eine Zentrale in Deutschland meldet sich, um sofort Hilfe zu leisten. Selbstverständlich ist klar, dass die Koordinaten des umgefallenen Mopeds auch sofort übermittelt werden. Was sich jetzt wohl die Datenschützer der Nation hierbei denken...? Das ist mir ziemlich egal - ich finde diese Funktion ziemlich klasse und wusste gar nicht, dass das Moped so etwas feines hat. Klasse. Blöd war nur, dass ich den Notruf nicht manuell abgebrochen habe, was leicht möglich gewesen wäre. Aber irgendwie beeindruckt es mich immer sehr, wenn ein Moped auf dem Boden liegt. Da gehört es einfach nicht hin. Und was auch klasse ist - am Moped ist nix kaputt gegangen. Aufgrund der Stützbügel sind nicht einmal Kratzer am Boliden. Wieder einmal DANKE Touratech für das durchdachte Konzept der Sturzbügel, die sich genau in solchen Momenten bezahlt machen.

Um wirklich einmal um die Landesgrenze von Frankreich zu fahren, muss ich mal wieder „Strecke machen“. Man könnte in diesem Teil der Bretagne sicher noch wochenlang verweilen und man würde immer wieder neue Sträßchen, feine Kneipen und Restaurants finden. Meine Fahrt geht weiter über das
Cap de la Chèvre, den Point de Pen Hir sowie Pointe des Espagnols. Von hier aus hat man einen wunderbaren Blick auf die unweit entfernt liegende Hafenstadt Brest, meinem heutigen Tagesziel.

Brest ist eine Hafenstadt in der Bretagne im Nordwesten Frankreichs, die durch den Fluss Penfeld zweigeteilt ist. Sie ist für ihre reiche Schifffahrtsgeschichte und ihren Marinestützpunkt bekannt. An der Mündung der Penfeld befindet sich das mittelalterliche Château de Brest mit dem nationalen Marinemuseum, das Blick auf den Hafen bietet. Brest, die zweitgrößte Verwaltungsstadt der Bretagne, gewinnt, je besser man sie kennt. Nach den Zerstörungen des zweiten Weltkriegs 1944 hat sich die Stadt wie ein neu beschriebenes Pergament neu erfunden.

Einen besonderen Augenschmaus und ein fahrerisches Highlight bietet die Weiterfahrt von Brest über Plougonvelin -zum Leuchtturm Phare de Saint-Mathieu. Dies ist das westliche Ende Frankreichs. Der Leuchtturm der Landspitze Saint-Mathieu - ein Ort der Geschichte und des Gedenkens - ist ein symbolträchtiges Monument für alle bretonischen Seeleute. Der Leuchtturm Saint-Mathieu ist seit November 2010 Nationaldenkmal. Ganz in der Nähe vom Leuchtturm befindet sich das Nationale Denkmal für die verstorbenen Seeleute. Entlang der Aberküste geht meine Fahrt über die „Route touristique Créac'h“ über Porspoder nach Morlaix. Diese bretonische Stadt schmiegt sich in eine von den Ausläufern der Monts d’Arrée umschlossene Bucht. Morlaix ist eine Stadt der Kunst und der Geschichte. Viele alte geschichtsträchtige Fachwerkhäuser säumen die Straßen dieser faszinierenden Stadt. Hier in Morlaix und nur hier findet man die sogenannten Maisons à Pondalez, die auch als Laternenhäuser bezeichnet werden: Sie wurden im 16. Jahrhundert von wohlhabenden Leinenhändlern errichtet. Die Erker der Fachwerkhäuser überragen die Gassen rund um die Place Allende. Sie eröffnen eine Reise in die Zeit der bretonischen Renaissance. Am eindrucksvollsten an Morlaix ist aber wahrscheinlich die große Steinbrücke. Das die Altstadt von Morlaix überragende Viadukt erstreckt sich über eine Länge von 292 Metern mit einer Höhe von 62 Metern. Seit über 150 Jahren ist dieses Kunstwerk ein Symbol der Stadt.

Die Bretagne hat keinen wirklichen Anfang und vor allem – sie nimmt nie ein Ende. Und dennoch – ich nähere mich nun mit großen schritten dem letzten Teil meiner Tour der de France – der Normandie.

Teil 5: Die Atlantikküste

Es sieht so aus, dass das Thema „Kurvenrasieren“ und Pässe hoch- und wieder hinunterzuschrauben ad acta gelegt werden kann. Nach den grandiosen On- und Offroadstrecken in den Westalpen sowie in den Pyrenäen folgen jetzt eher gemächlichere Strecken. Wobei – wer sagt denn, dass es nicht offroad weiter gehen kann…? Eine Möglichkeit hierzu bietet sich im Südwesten von Nouvelle-Aquitaine, im Département Landes. Bis ins 19. Jahrhundert war es eine flache Heidelandschaft, bevor Napoleon den Befehl der Aufforstung gab und es zum größten zusammenhängenden Waldgebiet Westeuropas machte. Viele Seebäder erstrecken sich entlang seiner Küste: ob Biscarrosse, Mimizan, Contis, Moliets, Seignosse, Hossegor oder Capreton, jede Station hat ihren eigenen Charme. Mein Tagesziel liegt heute in Bordeaux. Und so traversiere ich diese dünnbesiedelte Landschaft von den Pyrenäen aus kommend auf bolzengerade, mit dem Lineal angelegten Pisten.

Immer wieder kommen ganz kleine Dörfer, die die sehr eintönige Fahrt unterbrechen. Nach ca. 60 Kilometer, die auch auf solchen extrem staubigen Pisten nun gefahren bin, ca. 25441655 Schlaglöchern habe ich ausweichen müssen und bestimmt 27.6 Kilogramm Staub geschluckt, frage ich mich, ob Offroad wirklich so toll ist… Nur wenige Kilometer weiter erstreckt sich nämlich eine geteerte Straße in Richtung Bordeaux, die ein bequemeres Vorankommen verspricht. Also breche ich an dieser Stelle mein „Offroad-Abenteuer durch Les Landes“ ab und komme dann am späten Nachmittag in Bordeaux an.
Bordeaux, Zentrum der berühmten Weinbauregion, ist eine Hafenstadt an der Garonne im Südwesten Frankreichs. Bekannte Wahrzeichen der Stadt sind die gotische Kathedrale Saint-André, Bauten aus dem 18. und 19. Jahrhundert sowie erstklassige Kunstmuseen wie das Musée des Beaux-Arts de Bordeaux. Entlang der gewundenen Flussufer erstrecken sich öffentliche Gärten. Ich kenne Bordeaux bereits seit über 30 Jahren und komme immer wieder in diese großartige Stadt. In den vergangenen Jahren hat sich die siebtgrößte Stadt Frankreichs zu einem wahren Juwel entwickelt. „Les Quais de Bordeaux“ – also das linke Garonne-Ufer ist ein Hingucker für nachhaltige Städteplanung par excellence. Schnell habe ich hier ein gemütliches Hotel gefunden, parke den Boliden in der Tiefgarage und begebe mich in das quirlige Leben. Ich staune nicht schlecht – auf der 4,5 Kilometer langen Promenade gibt es drei parallel verlaufende Abschnitte: Einen für Fußgänger, einen für Jogger und einen für Rad und Roller-Fahrer. Vor allem die E-Roller-Fahrer schießen mit hohen Geschwindigkeiten an einem vorbei. Hier, am Ufer der Garonne pulsiert das Leben – und genau das macht mich unbehaglich. In Biarritz und Bayonne gilt bereits ein obligatorisches Maskengebot – also das Tragen der Maske in der Innenstadt sowie in allen Gebäuden.

In Bordeaux sieht man hiervon noch nichts. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankitte und so ziehe ich mich aus diesem ungezwungenen Leben schnell zurück und suche wieder eher das Alleinsein. Apropos Alleinsein – eine gute Freundin, die meine Reise mitverfolgt, hat mich vor ein paar Tagen gefragt, ob ich nicht sehr einsam sei, auf meiner Tour de France. Es ist ein großer Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit. Es stimmt schon – ich bin die meiste Zeit in den vergangenen Tagen und Wochen alleine – aber nie einsam…
Der nächste Tag steht im Zeichen der „Silberküste“. Die Bezeichnung stammt von der besonderen Qualität des dort vorkommenden Sandes. Die Atlantikküste rund um Bordeaux ist an dieser Stelle sehr reich an Muscheln und Austern. Der Abrieb und Reste der Schalen dieser Schalentiere vermengten sich im Laufe der Jahrtausende mit dem Sand. Infolgedessen glitzert bei einem bestimmten Lichteinfall in den Abendstunden der Sand in der Brandung wie Silberstaub.

Mein Ziel ist eine etwa 155 Quadratkilometer große Bucht die bei Feinschmeckern und Vogelkundlern sehr beliebt ist: Das Bassin d’Arcachon. In dieser Bucht wachsen und gedeihen viele Tonnen Austern und Muscheln und in der Mitte befindet sich eine Insel, auf der viele seltene Vögel überwintern. Vom Cap Ferret aus hat meinen perfekten Blick auf das gesamte Bassin und auf die gegenüberliegende größte Wanderdüne Europas. Die Düne von Pilat hat einen Nord-Süd-Verlauf und ist bis zu 110 Meter hoch, 500 Meter breit, etwa 2,7 Kilometer lang (geschätztes Volumen 60 Millionen Kubikmeter) und liegt an der Meeresöffnung des Bassin d’Arcachon.
Bordeaux ist das größte Weinbaugebiet Frankreichs mit geschützter Herkunftsbezeichnung. Nichts liegt also näher, als vom Bassin d’Arcachon aus die bekannten Weingüter anzusteuern. Einmal mehr bin ich sehr froh, mit vor der Reise das neue Garmin ZUMO XT Navigationsgerät gekauft zu haben.

Da ich grundsätzlich auf meinen Reisen ein Laptop mit dabeihabe, schaue ich immer schon abends, wo die Fahrt am nächsten Tag hingehen soll. Das mache ich prinzipiell mit der Online-Plattform KURVIGER.DE. Mit ein paar schnellen Mausklicks werden dann wunderbare Routen erstellt, die weitab von touristischen Strömungen liegen. Per Mausklick wird dann eine GPX-Datei erstellt, die sich genauso einzueins in das Navi verschieben lässt. Und – welch Wunder der Technik – ZACK ist ein neuer Track auf dem Navi, den man dann am nächsten Tag ganz genüsslich abfahren kann. Wirklich edel so eine Navigation. Früher musste man für diesen Vorgang immer zwei verschiedene Software-Produkte
verwenden, die nicht wirklich intuitiv waren. Heute macht das Planen der Route am Rechner richtig viel Spaß – Vorfreude ist schließlich die schönste Freude auf den bevorstehenden Fahrspaß. Das allerbeste ist der robuste Halter von Touratech, der das Navi bereits auf den vielen Offroad-Kilometern in den Westalpen und in den Pyrenäen sicher umfasst hat. Ein Klick – und das Navi sitzt wie angegossen in der robusten und abschließbaren Halterung.
Aber zurück zu den Weinschlössen. Ich möchte mir noch ein paar dieser legendären Orte anschauen. Das Weinbaugebiet Bordelais besticht durch seine Vielfalt: Man findet hier wunderschöne historische Schlossgüter, moderne Weinlager und Winzer, die sich freuen, ihre Liebe zum Wein weiterzugeben. Mehr als 90 % der Produktion des Bordelais sind Rotweine. An der Spitze steht die elegante Rebsorte Merlot, der Star des rechten Gironde-Ufers (Pomerol, Saint-Emilion). Die Rebsorte Cabernet Sauvignon verleiht den am linken Flussufer gekelterten Weinen (Médoc, Graves) Kraft und Fruchtigkeit. Der Cabernet Franc rundet die Assemblage mit seiner kräftigen Farbe und intensiven Aromen ab. Haut-Brion, Latour, Margaux, Mouton-Rothschild, Pétrus, Yquem - diese Namen sind in aller Munde.

Große Weine wie diese machen aber nur 5 % der Produktion des Weinbaugebiets aus! Die meisten Bordeauxweine sind sehr erschwinglich. Und was wirklich eine Geschmackexplosion besonderer Güte ist, verrate ich gerne. Zu einem Bordeaux-Wein gehört unbedingt eine süße Köstlichkeit: Der Cannelé, der kleine weiche karamellisierte Kuchen, ist eine Spezialität aus Bordeaux und ist eng mit dem Ausbau von Wein verbunden! Bei einer Etappe der Weinbereitung, der Schönung, wird Eiweiß in die Fässer gegeben, um die edlen Tropfen zu stabilisieren. Früher wurde das nicht verwendete Eigelb für den Teig der Cannelés verwendet! Und wenn so ein Cannelé frisch aus dem Ofen kommt, dann schmeckt er sogar ohne Wein…

 

Am nächsten Tag verlasse ich Bordeaux. Mein Fahrziel ist heute Rochefort. Um dort hin zu gelangen wähle ich bei Bayon sur Gironde die Corniche de Gironde. Dieses malerische Sträßchen entlang der Garonne schlängelt sich eng am Flussverlauf entlang. Es ist unglaublich, wie schwierig das Vorankommen ist.

Überall befinden sich kleine Cafés die mit betörenden Croissant-Düften und feinstem Kaffee-Aroma eine Weiterfahrt fast unmöglich machen. Hier könnte man fast meinen, dass die Zeit tatsächlich stehen geblieben ist. Am späten Nachmittag nähere ich mich dann der Stadt Rochefort die sich zahlreiche Beweise ihrer Seevergangenheit bewahrt.
Die Schwebefähre Rochefort (franz.: Pont transbordeur de Rochefort) ging im Jahr 1900 in Betrieb und ist das Werk des französischen Ingenieurs Ferdinand Arnodin. Seit dem Jahr 1976 ist das Bauwerk als „Monument historique“ anerkannt. Diese Schwebefähre ist ein Ingenieurbauwerk, das die beiden Ufer der Charente zwischen Rochefort und Échillais miteinander verbindet, ohne den Schiffsverkehr zum Marinearsenal und dem Hafen von Rochefort zu behindern. Sie ist die letzte ihrer Art in Frankreich.
Auf jeder Seite der Charente befinden sich jeweils zwei stählerne Pylone von 68 m Höhe. Ein 175 m langer Brückenträger verbindet die Stützen in 50 m Höhe über dem Hochwasserstand. Eine von diesem Brückenträger abgehängte Gondel ermöglicht den Fahrgästen von einem Ufer an das andere zu gelangen.
Unweit von Rochefort befindet sich die Île d’Oléron. Sie liegt an der französischen Westküste am Atlantik bzw. am Golf von Biskaya nördlich der Gironde-Mündung. Oléron und die Nachbarinsel Île de Ré schließen mitsamt dem Festland den Pertuis d’Antioche ein, einen Meeresabschnitt, der als Paradies für Segler gilt. Sein südlicher Bereich ist zum großen Teil verschlickt und bietet so ein ideales Terrain zur Muschel- und Austernzucht.

Aufgrund der guten Voraussetzungen und dem kontinuierlichen Zufluss von Süßwasser ist die Insel zu einer der bedeutendsten Regionen der Austernzucht in Europa geworden. Die Insel ist 34 km lang und an der breitesten Stelle 12 km breit. Sie ist – lässt man die Überseedepartements außer Betracht – mit einer Grundfläche von 175 km² nach Korsika die zweitgrößte französische Insel. Besonders bemerkenswert sind die vielen kleinen Fischerdörfer, die ihre Ursprünglichkeit haben bewahren können.
Weiter geht die Tour de France immer entlang der Atlantikküste nach Les Sables d’Olonne. Diese Stadt ist eine Touristenhochburg, wie sie im Buche steht. Entlang der drei Kilometer langen Bucht gibt es jede Hotel-Kategorie sowie jedes Freizeitangebot, dass man sich nur wünschen kann. Beim Passieren der Strandpromenade denke ich nur: Wem es gefällt, dem gefällt es hier. Mir gefällt so etwas gar nicht – so lasse ich noch einmal kurz die 136 PS an meiner GS am Kardan ziehen und mache mich aus dem Staub. Mein Interesse gilt einer besonderen Insel, nicht weit Les Sables d’Olonne.
Die Île de Noirmoutier ist eine sehr bemerkenswerte französische Atlantikinsel, die zur Region Pays de la Loire in Westfrankreich gehört, südlich der Loiremündung nahe Fromentine liegt und knapp 10.000 Bewohner hat. Eine geografische Besonderheit der 48,8 km² großen und 20 Kilometer langgestreckten Gezeiteninsel ist die Tatsache, dass ein Großteil ihrer Fläche unter dem Meeresspiegel liegt. Sie ist ziemlich flach, hat aber im Norden eine Felsenküste. Bei Niedrigwasser kann die Insel zu Fuß oder mit dem Auto, Fahrrad, Motorrad erreicht werden. Die 4½ Kilometer lange Pflasterstraße „Passage du Gois“, an deren Rändern in der Saison Muscheln gesucht werden, ist eine Touristenattraktion. Warnschilder geben die Zeiten an, zu denen sie passierbar ist.

Außerdem befinden sich am Straßenrand in dichten Abständen Rettungs- bzw. Aussichtstürme, von denen aus der Gegend betrachtet werden kann. Bei Flut ist der „Gois“, wie ihn die Einheimischen nur kurz nennen absolut nicht passierbar. Der Tidenhub beträgt immerhin 3,5 Meter. Das bedeutet, die Straße ist vollständig bei einer normalen Flut mit 3,50 Meter Höhe an Wasser überflutet. Bei einer Springflut können es leicht über 4,50 Meter Wasserhöhe werden. Nicht wenige touristische Kraftfahrer haben ihr Heiliges Blechle bereits in den Fluten des Gois versenkt, weil sie schlicht die Geschwindigkeit des Wassers unterschätzen. Bereits die Anfahrt zum Gois gestaltet sich als schwierig. Ich hatte wohl nicht als einziger die Idee, diese Passage zu benutzen. Eng an eng stauen sich die Autos. Zum Glück kann ich mich mit dem Moped zwischen den vielen Wohnmobilen und Autos hindurchschlängeln und komme gut voran. Auf der Île de Noirmoutier ist das Thema Austern allgegenwärtig. Im Hafen spricht mich ein Austernzüchter auf mein Moped an. Er erklärt mir, dass er früher auch gerne Motorrad gefahren sei – das leben als Austernzüchter sei aber sehr arbeitsam, so dass er das Moped irgendwann verkauft hat und seither nicht mehr fährt. Im Gespräch wird aber schnell auch klar, dass seine große Leidenschaft die Austern gilt. Mit einem Augenzwinkern erklärt er mir, dass die Touristen ja grundsätzlich die Austern falsch essen würden. Zu eine Auster gehört nämlich außer einem kleinen Stück Baguette und einem trockenen Weißwein GAR NICHTS. Er wundert sich immer, wenn die Touristen massenhaft Zitrone oder andere Gewürze über die Austern träufeln. Das verfälscht ja total den Geschmack. Und obwohl ich wirklich kein Freund von Austern bin, lädt er mich auf eine kleine Degustation ein und erklärt mir auch, wie man fachmännisch eine Auster öffnet. Also – man hält die beiden frisch geöffneten Hälften leicht schräg aneinander, sodass das Salzwasser abfließen kann. Dann löst man das Austernfleisch vom Strunk und lässt noch einmal das Salzwasser abtropfen. Dann schiebt man das Fleisch nach ganz vorne auf der Austernschale und schlürft das Fleisch in den Mund. Dort soll es für ein paar Sekunden auf der Zunge verbleiben bevor man es vorsichtig zerkaut und das nussige Aroma der Auster genießt. Sorry – bei aller Liebe – für mich ist das nichts. Ich versuche mir das nicht anmerken zu lassen bedanke mich artig für die Degustation und die Informationen schiebe mir hinter vorgehaltener Hand einen Kaugummi in den Mund und bin froh, dass der Geschmack bald vorbei ist… Aber eines habe ich heute gelernt – Austern zu züchten ist eine hohe Kunst!
Mei heutiges Tagesziel ist Nantes und somit ein weiterer strategischer Punkt bei meiner Tour de France. Nantes ist eine Stadt im Westen Frankreichs, die in der östlichen Bretagne an der Loire liegt und auf eine lange Tradition als Hafen und Industriezentrum zurückblicken kann.

Das mittelalterliche Schloss Nantes war einst Sitz der Herzöge der Bretagne. Somit beginnt ab morgen ein neuer Streckenabschnitt der Tour de France – bienvenu en Bretagne – herzlich willkommen in der Bretagne.

Teil 4: Coast to Coast - Die Pyrenäen vom Mittelmeer zum Atlantik

Die Pyrenäen sind eine rund 430 km lange Gebirgskette. Sie trennt die Iberische Halbinsel im Süden vom übrigen Europa im Norden und liegt zwischen dem Atlantischen Ozean im Westen und dem Mittelmeer im Osten. Diese Gebirgslandschaft ist viel rauer und zerklüfteter als die Alpen und eignet sich daher für eine Motorradtour mit viel Offroad-Anteil bestens. Man muss schon ein wahrer ZEN-Meister im Kilometerfressen sein, um bis Perpignan, dem Ausgangsort dieses Teilabschnittes meiner Tour de France zu fahren. Für die Anfahrt von Nizza und Cannes, meinen letzten Standorten an der Cote d’Azur bis an die französischen Mittelmeer-Pyrenäen fallen knapp 500 Kilometer an – dann steht einem jedoch der Höhenzug der Pyrenäen zwischen Frankreich und Spanien, vom Atlantik zum Mittelmeer zur Verfügung. Das Gebiet wird zwar von drei Staaten: Frankreich, Spanien und Andorra geteilt, allerdings erheben zwei weitere Volksgruppen den Anspruch, als eigenständige Nationen angesehen zu werden: die Basken im Westen, die grenzübergreifend an der Atlantikküste ihre Sprache, baskisch, pflegen und die Katalanen im Osten, deren Stammgebiet im spanischen Teil der Pyrenäen am Mittelmeer liegt. Dort hat katalanisch in den letzten Jahren sogar das spanische verdrängt und ist mittlerweile Sprache Nummer 1.

Die Idee ist, die französischen Pyrenäen vom Mittelmeer in Richtung Atlantik zu traversieren. Hierbei wollte ich zum einen auf den Spuren der Tour de France über den Col du Tourmalet sowie dem Col d‘Aubisque, durch die Weinberge der Corbière, mit den Pilgern entlang des Jakobswegs, zu den einsamen spanischen Pyrenäen-Höhenzügen bis hinauf in die Bergwelt und den alten Schmugglerpfaden von Andorra gelangen. Aufgrund der Corona-Pandemie mache ich jedoch um Andorra, um Nordspanien – und vor allem den Hotspots Bayonne und Biarritz im Baskenland einen großen Bogen.
Obwohl sich zwei Drittel der Pyrenäen auf spanischer Seite befinden, liegt die deutliche Mehrzahl der befestigten Pässe doch auf französischer Seite. Dies liegt nicht etwa ausschließlich an der stärkeren Besiedelung und dem daraus resultierenden höheren wirtschaftlichen Interesse in Frankreich, sondern maßgeblich an der Tatsache, dass die Pyrenäen nach Norden relativ schroff und steil in Richtung Frankreich abfallen, während der Übergang zur Ebene des Ebro auf spanischer Seite allmählich geschieht. Gerade schmale Passstraßen auf der französischen Seite beeindrucken häufig durch sehr rauen Belag. Der Grip bei kurvenreichen Passauffahrten ist maximal, was die Schräglage positiv beeinflusst. Wo auch immer man in den Pyrenäen ist, man findet unterschiedlich reizvolle Pässe vor. Ob man nun die niedrigeren Pässe in den Randlagen fahren will oder die zentralen Klassiker, das Motorradfahrerherz schlägt höher. Und das nicht zuletzt wegen der vielen kurvenreichen Rampen, die in der Regel steiler sind als die der Alpen.
Aber der Reihe nach. In Perpignan erfreue ich mich an den vielen interessanten Ecken und Winkeln dieser Stadt. Perpignan ist idyllisch in der Nähe der Mittelmeerküste und der Grenze zu Spanien gelegen.

Im 13. Jahrhundert war sie die Hauptstadt des Königreichs Mallorca und in ihrem mittelalterlichen Stadtkern ist ein deutlicher katalanischer Einfluss erkennbar. Der riesige Palast der Könige von Mallorca im gotischen und romanischen Stil liegt südlich der Altstadt und verfügt über Festungsmauern mit Aussicht auf die Küste. Von hier erkunde ich am nächsten das Hinterland sowie die nie enden wollenden kleinsten Sträßchen und Trails direkt an der Küste. Alex Schönborn von der Firma Touratech hatte mir vor der Abfahrt in Villingen den dringenden Tipp gebeten, die sogenannte Cote Fermée zu erkunden, und sollte unbedingt Recht behalten. Diese Gegend ist ein Kurvenparadies par excellence.
Wie das Land, so die Weine: kraftvoll, mit Charakter und tausendjähriger Tradition. Egal in welcher Farbe sich ein Côtes du Roussillon auch präsentiert, als Roter, Rosé oder Weißer, er macht seiner Heimat alle Ehre. Das Roussillon als Weingebiet mit der hauptstadt Perpignan ist alleine schon eine Reise unter Weinkenner wert. Im südlichsten Teil von Frankreich gelegen und mit einer durchschnittlichen Sonnenscheindauer von 2600 Stunden im Jahr haben die Weinreben des
Roussillon optimale klimatische Bedingungen. Auf dem Weingut vom Château de l'Esparrou erfahre ich, wie ich den kostbaren Rebensaft vielleicht unbeschadet nach Deutschland transportieren kann. Ich soll die Flaschen einfach an den Stutzbügeln der BMW befestigen – da sei ja noch Platz… Naja – nicht jede Idee ist großartig. Auch der Vorschlag – ich könne ja gleich hier ein bisschen etwas trinken wird mit meiner freundlichen Ablehnung, dass es erst morgens 9.30 Uhr ist und ich ja schließlich noch Motorradfahrern wolle mit einem leichten und sarkastischen Kopfschütteln begegnet: „ Les allemend… toujour très correctes! (Die Deutschen – immer so korrekt).
Und

Und das schönste Erlebnis habe ich an diesem Tag, an dem ich ein ganz besonderes Tal befahre. Es ist das VALLEE DE HEUREUSE – wörtlich übersetzt – das Tal der Glücklichen. Und in der Tat – ich bin seit Wochen glücklich mit dem Motorrad unterwegs sein zu können – darum passe ich sehr gut in dieses Tal.

Nach ausgiebigen Kurvenrausch beginnt dann die Trans-Pyrenäa. Groß und mächtig erscheint die Silhouette der Berge und das Bikerherz schlägt bereits schneller. Nicht weit von Perpignan möchte ich dann bei einem Straßenschild fast meinen Augen nicht glauben. Es gibt in den Pyrenäen tatsächlich
eine Ortschaft die heißt LATOUR DE FRANCE. Ob hier wohl die großartige Idee für den Radsport kreiert wurde, oder ob dieses Dorf die Wiege für die Idee meiner Motorradtour ist, wird wohl nicht geklärt. Kenner der französischen Sprache wissen wohl durchaus den Unterschied zwischen „LATOUR“ und „La Tour“ zu deuten. Trotzdem – mir macht der Name dieses kleinen und unscheinbaren Pyrenäen-Dorfes richtig Freude.

Gleich zu Beginn dieser ersten Tour steht ein erstes Offroad-Highlight an: Das Massif du Canigou. Der Pic du Canigou ist der östlichste markante Berggipfel der Pyrenäen. Er hat eine Höhe von 2785 m und galt lange als höchster Berg Kataloniens. Er gehört zum südfranzösischen Département Pyrénées-Orientales im Roussillon. Und hier ist es tatsächlich so, dass alle Pisten zum Offroad-Fahren einladen. Das gesamte Roussillon-Gebiet ist längst kein Geheimtipp mehr unter den Offroad-Enthusiasten, sondern ein gesetzter Hotspot in Mitteleuropa.
Am nächsten Tag beginnt die Fahrt dann früh. Ein großes Stück Strecke will gemeistert werden – und einige Pyrenäen-Pässe warten auf mich. Der erste ist der Col de Mantet und befindet sich in der Region Pyrénées Orientales. Für Straßenmaschinen und normale Reiseenduros ist er mit seiner Nordostrampe eine Sackgasse, die Ihren Reiz insbesondere im letzten Drittel vor der Scheitelhöhe hat. Enge Straßen, keine Absperrungen und einen Belag der sehr gut zu fahren ist. Am Col de Puymorens verlasse ich einmal mehr die asphaltierten Wege und fahre ein ganzes Stück offroad in Richtig Gipfel. Doch plötzlich ist gar kein Weg mehr sichtbar und ich fahre über große und weitläufige Wiesen in ein Tal. Fasziniert beobachte die Berge und merke gar nicht, dass sich eine Herde Pferde nähern. Das ist in den Pyrenäen nicht ungewöhnlich. Große Pferdeherden mit bis zu 50 Tieren werden im Frühsommer in die Berge gebracht und dann im Herbst wieder „eingesammelt“. Die Pferde verbringen in diesen Sommermonaten bestimmt einmalige Tage in den Bergen, die ihrem Wesen bestimmt sehr nahekommen. Plötzlich beginnt eines der Tiere los zu galoppieren. Die anderen machen es ihm gleich und galoppieren mit. Bis hier in ist die Szenerie ja sehr schön und durchaus romantisch. Das Bemerkenswerte ist, dass die Tiere alle auf mich los galoppieren. Waren die Tiere in einem Augenblick noch mehrere hundert Meter von mir entfernt, so nähern sich die Pferde mit großer Geschwindigkeit mir und meinem Motorrad in einer menschenleeren Bergwelt. Wenn ich jetzt sage, dass mich Panik ergreift, dann kommt das meinem Gemütszustand sehr nahe. Ich kenne mich ganz gut mit Kühen, Ochsen und Bullen aus – zumindest in der Theorie. Bei diesen Tieren sagt man, wenn ein Rindviech auf Dich zu gerannt kommt, bleibe stehen und mache dich ganz groß. Das Rindvieh wird dann wahrscheinlich stehen bleiben. Und wie ist das bei Pferden? Ich probiere dieselbe Taktik – und in der Tat, die Herde stürmt in relativ „großem“ Abstand von ca. 20 Metern an mir vorbei. Ich bin so perplex von dieser Situation, dass ich nur noch die Nachzügler vor die Linse meiner Kamera bekomme. Naja – immerhin erhalte ich so noch ein paar Erinnerungsfotos von dieser Situation.

Am nächsten Tag ist echtes „Pyrenäen-Wetter“. War es gestern noch sommerlich heiß mit bestem Sonnenschein, so hängen heute die Wolkenschwaden tief in den Tälern. Von Ax les Thermes geht meine Reise über Gorges D’Orlu zur Grotte de Niaux und Tarascon sur Ariège – Port de Lers – Col d’Agnes – Col de la Core – Col de Menté nach Bagnère de Luchon.

Diese Pässe kenne ich alle von früheren Reisen in den Pyrenäen – heute offenbaren sie sich in gespenstischem Nebellicht.
Die nächsten Tage stehen ganz im Zeichen der Tour-de-France-Klassiker: Der Col de Port ist dann auch der erste, den ich offroad unter die Reifen nehme. Der Weg schlängelt sich auf fast seiner kompletten Länge am Südhang des Massif de l’Arize entlang. Gerade die Westanfahrt des Passes bietet dem Offroad-Fahrer keine besonderen Schwierigkeiten. Dennoch ist der Col de Port ein idyllischer Pass, der einen Besuch lohnt, und sei es nur, um von seiner Westanfahrt aus einen der steilsten Wege der französischen Pyrenäen zu begutachten, nämlich das Sträßlein zum Col de Péguère. Man mag es kaum glauben, aber am Col de Port ist man auf radhistorischer Strecke unterwegs, denn er war am 19. Juli 1910 der erste Pyrenäenpass, der jemals während der Tour de France von den Teilnehmern überquert wurde.
Weiter geht dann die Fahrt Col de Tourmalet, der mit 2115 Metern über dem Meeresspiegel, der höchste asphaltierte Straßenpass der französischen Pyrenäen ist. Er liegt im Département Hautes-Pyrénées und verbindet Luz-Saint-Sauveur mit Campan. Der Col du Tourmalet verdankt seinen hohen Bekanntheitsgrad seiner zentralen Rolle in der Geschichte der Tour de France und der Tatsache, dass er auch in den gegenwärtigen Auflagen der Tour sehr häufig überquert wird. Dadurch wurde der Pass zu einem sehr beliebten Ziel für ambitionierte Freizeitradfahrer. Dort, wo das Abenteuer für andere Motoradfahrer auf dem Pass endet, beginnt es eigentlich erst für mich. Überragt wird der Tourmalet vom 2877 Meter hohen Pic du Midi du Bigorre. Aufgrund seiner Lage nördlich des Hauptkamms der Pyrenäen bietet sein Gipfel ein außergewöhnliches Panorama. Im Süden überblickt man die gesamte 300 km lange Kette der Pyrenäen mit mehr als 25 Dreitausendern. Nach Norden reicht der Blick an klaren Tagen bis zum Plomb du Cantal im Zentralmassiv und im Westen bis zum Leuchtturm von Biarritz. Insgesamt ist so ein Sechstel der Fläche Frankreichs zu überschauen. Früher gab es eine 5,5 km lange geschotterteRoute du Pic du Midi, die bis zur Passhöhe auf 2645 m Höhe führte. Heute ist sie für den öffentlichen Verkehr gesperrt. Ich versuche mein Glück über die Skipiste und pflüge mit der WorldTravelEdition steile Passagen hinauf. Das Adrenalin quirlt durch meine Adern – der Puls ist maximal und die Aussicht von hier oben ist sehr beeindruckend.

Die französischen Pyrenäen verändern ab Luz St. Saveur dramatisch ihre Charakteristik. Aus den grünen Bergen entwickelt sich eine zerklüftete Bergwelt, die spätestens ab dem Felszikus vom Cirque de Troumouse, einem 180 Grad-Panorama-Kessel, wirklich einzigartig sind.
Nicht weit von hier befindet sich Lourdes, einer der weltweit meistbesuchten Wallfahrtsorte. Jedes Jahr pilgern viele hunderttausend Gläubige und interessierte Besucher hierher. Die Wallfahrt nach Lourdes begann mit einer Serie von insgesamt 18 Marienerscheinungen, in der Zeit vom 11. Februar bis zum 16. Juli 1858. Ich selbst bin erstaunt, welch gewaltige Kraft von diesem Ort ausgeht – auch wenn es eine große Industrie von Souvenir- und Kitsch-Artikeln gibt, so ist dieser Ort, nahe an der spanischen Grenze, doch in jedem Fall einen Aufenthalt auch für Nichtgläubige wert.

Als nächstes sind dann die höchsten Pyrenäenpässe mit fantastischen Weit- und Ausblicken an der Reihe: der Col de Soulon sowie Col d’Aubisque präsentieren sich bei Keiserwetter und offenbaren die gesamte Schönheit der Bergwelt.
Für mich ist der Col de Pourtalet der schönste Pyrenäen-Pass. Mehr Abwechslung bietet kein anderer Pass in den Pyrenäen! Auf den 56 km von Laruns (Frankreich) bis nach Biescas (Spanien) ist die Streckenführung einfach genial. Sanft und weit geschwungene Kurven werden von knackigen Kehren und winkligen Felspassagen abgelöst. Die Landschaft und die Ausblicke sind einmalig, insbesondere oberhalb der Baumgrenze ab ca. 1600 m.

Nun verändert sich die Landschaft ein weiteres Mal. Ich komme in das Baskenland. Diese Region an der Atlantikküste liegt genau auf der Grenze der Staaten Spanien und Frankreich. Das Baskenland ist benannt nach dem Volk der Basken (Eigenbezeichnung Euskaldunak), die mittlerweile auch wieder zu einem beträchtlichen Teil die baskische Sprache sprechen. Verwirrend, sicherlich nicht nur für mich als Motorradreisender, sind die doppelten Bezeichnungen der Städte und Ortschaften – einmal auf Französisch und einmal auf Baskisch.
Nun wechseln sich klangvolle Namen wie Lescun – Col d’Ichere – Col de Labays – Col de St. Martin – Isaba – Port de Larrau – Larrau – und Col Bagargi auf einer wunderbaren Fahrt in Richtung Bordeaux ab.

Teil 3: Cote d‘Azur

Nach diesen intensiven und aus durchaus anspruchsvollen Schotterwegen aus den vergangenen Tagen dürstet es mich nun nach ein bisschen Ruhe und Gelassenheit. Idealerweise findet man beides im Süden Frankreichs. Die Provence ist die Region im Südosten Frankreichs, die an Italien und das Mittelmeer grenzt. Bekannt ist die Gegend vor allem für ihre abwechslungsreiche Landschaft, die von den südlichen Alpen und der flachen Camargue bis hin zu hügeligen Weinbergen, Olivenhainen, Pinienwäldern und Lavendelfeldern reicht. Den Süden der Provence bildet die Côte d'Azur mit dem eleganten Nizza und glanzvollen Urlaubsorten wie Saint-Tropez oder Cannes. Als Côte d’Azur wird ein Teilstück der französischen Mittelmeerküste bezeichnet, das gleichzeitig einen großen Teil der provenzalischen Küste darstellt. Der Name ist eine Schöpfung des Dichters Stéphen Liégeard, weil je nach Wetterlage und Sonneneinstrahlung das Meer Azurblau leuchtet. Hier zieht es mich nun also auf meiner Tour de France hin. Und dennoch – mit der Ruhe und Gelassenheit ist es ja so eine Sache. Wer mit dem Motorrad reist – und vor allem mit so einer energiegeladenen WordTravelEdition GS1250 von Touratech, der such ja geradezu immer den Kurvenrausch. Übrigens – das wirklich Geniale an diesem Namen ist der Name, der wirklich Programm ist. Stehen doch die beiden markanten Buchstaben bei diesem BMW-Kult-Motorrad GS für Gelände und Straße. Und genau hierfür ist dieses Motorrad seit Jahrzehnten konzipiert. Anspruchsvollstes Gelände und gediegene Straßeneinlagen bereiten gleichermaßen Freude am Fahren. Naja – und die Marke WorldTravelEdition von Touratech muss man wohl nicht extra erklären. Überall da, wo man das gute Motorrad noch besser machen kann legen die Ingenieure von Touratech Hand an und machen das Gute noch besser.


Also, wer Kurven und Kehren ohne Ende sucht, der ist mit dem Col de Turini der sich in der Provence also im direkten Hinterland der französische Riviera befindet, bestens bedient. Der wohl bekannteste Pass in den südlichen Seealpen verdankt seinen Ruf der Rallye Monte Carlo. Nur etwa 30 km von Monte Carlo entfernt beginnt die Südostrampe in Sospel und führt mit insgesamt 39 km über die Passhöhe und die Westrampe ins Tal der Vésubie. Empfehlenswert ist eine Überquerung von Südosten nach Westen. Auch dieser Pass zählt zu den 17 Pässen der Route des Grandes Alpes, die vom Genfer See zur Côte d’Azur führt. Wer Luft im Fahrplan hat, der sollte die am Scheitelpunkt abzweigende ca. 9 km lange Schleife über das Authion-Massiv mitnehmen. Hier geht’s auf eine Höhe von über 2000 m ü. NN und bei entsprechender Wetterlage reicht der Blick bis zum Mittelmeer.

Nizza sehen und sterben! Halt-halt, das war ja Rom. Dennoch zieht es magisch in die fünftgrößte Stadt Frankreichs direkt am Meer. Das Hotelangebot ist riesig und hält für jeden Geldbeutel ein passendes Zimmer parat. Einzig – ein kurzer Blick in den Geldbeutel sollte frühzeitig geschehen – die Preise reichen von knapp 30 Euro für eine Übernachtung in einem Hostel bis 950 Euro pro Nacht und mehr für ein Zimmer.
Also – ich möchte einmal das legendäre Nizza sehen. Viel beschrieben und gelobt präsentiert sich Nizza als hektisches Gewühl und turbulentes Treiben. Alleine schon die berühmte Uferpromenade beeindruckt mich mächtig. Die Promenade des Anglais ist eine sieben Kilometer lange Straße in Nizza. Sie bildet entlang der Baie des Anges die Uferstraße und hat eine anliegende Strandpromenade. Fährt man diese Promenade mit einer anliegenden sechsspurigen Straße, so glitzert auf der einen Seite verführerisch die azurblaue Reviera – und auf der anderen Seite geben sich die Prunkbauten und Hotelanlagen höchster Kategorien ihr Stelldichein.
Einmal im Leben – so sagt man in Nizza - sollte man im Negresco logieren – oder zumindest auf der Terasse ein Glas Champagner genießen. Das Hotel Negresco ist ein 1912 eröffnetes Luxushotel im Stil der Belle Époque direkt an der Uferpromenade. Der Name stammt von dem rumänischen Erbauer Henri Negresco.
Die auffällige, pinkfarbene Kuppel des Gebäudes wurde von Gustave Eiffel konstruiert, wobei die Legende besagt, dass der Busen einer Geliebten als Modell diente. Das Hotel Negresco ist eines der Gründungsmitglieder der renommierten Hotelvereinigung The Leading Hotels of the World. Obwohl ich mit der WordTravelEdition durchaus zu den Ferraris, Bentleys und RollsRoyce passen würde, die vor dem Hoteleingang parkieren, so verschiebe ich das Glas Champagner sowie das Logieren in diesem Hotel auf eine spätere Reise.

In der Innenstadt von Nizza geht es hektisch und betriebsam zu. Viele Touristen drängen sich dicht an dicht durch die engen Gassen und der Wunsch nach Ruhe und Gelassenheit kommt noch nicht wirklich auf. So habe ich ehrlich gesagt keine Lust tiefer in das Herz von Nizza vorzudringen. Ein kurzer Abstecher zum Meer soll allerdings schon sein. Mein Hotel befindet sich mit schallisolierten Zimmern direkt am Flughafen von Nizza. Hier hat man eine tolle Aussicht auf in kurzen Abständen landenden und startenden Flugzeuge.
Der nächste Tag ist der Tag der Corniche und der gefühlten 25688 stop-and-gos. Das Wort Corniche stammt aus dem Französischen und wird in mehreren Ländern und Sprachen verwendet, um eine Küsten-, Ufer- oder Klippenstraße, meist mit besonderem Panorama, zu beschreiben. Und was ist das für ein atemberaubendes Panorama zwischen Nizza und einem legendären Zwergstaat an der Cote d’Azur. Die Rede ist von Monaco einem winzigen, unabhängigen Stadtstaat an der französischen Mittelmeerküste, der für seine luxuriösen Casinos, Jachthäfen und den prestigeträchtigen Großen Preis von Monaco in der Formel 1 bekannt ist, der einmal jährlich in den Straßen des Fürstentums stattfindet. Im größten Stadtteil Monte-Carlo befinden sich eine elegante Spielbank aus der Belle Époque und die Oper Salle Garnier. Daneben gibt es zahlreiche Luxushotels, Boutiquen, Nachtclubs und Restaurants. Allein durch diese aberwitzige Verkehrsführung ist es ein kleine Abwechslung in meiner Tour de France. Das schnelle "Rechts, Links, Auf und Ab" auf Hochstraßen, Brücken und Unterführungen machen es zu einem Motorradfahrer- und Kurven-Eldorado ... aber nur, wenn die Stadt für sämtliche Autos gesperrt würde!!!

Da Monaco mit einer Fläche von 1,95 Quadratkilometern der zweitkleinste Staat in Europa ist, darf man sich nicht ewig über einen Zwischenstopp Gedanken machen, sonst ist man schon wieder durch und auf französischem Boden. Also – rein nach Monaco und gleich links einen Parkplatz suchen. Dank des strategisch günstigen Felsens war Monaco schon in frühester Zeit besiedelt. Die Phönizier betrieben hier eine Handelsniederlassung, wurden aber alsbald von den Griechen verdrängt. Im 12. Jahrhundert wurde der Küstenabschnitt zum Zankapfel zwischen den Grafen der Provence und der mächtigen Republik Genua. Kaiser Friedrich Barbarossa griff 1162 ein und regelte den Streit zugunsten der Stadtrepublik. Mitte des 19. Jahrhunderts war es alles andere als erfreulich, ein Monegasse zu sein. Der Fürst und seine Untertanen lebten in bitterer Armut, der steinige Boden gab nicht viel her, und auch der Fischfang, die Zollrechte und der Salzabbau füllten die Kassen nicht.
Nach Monaco zieht es mich wieder in motorradfreundlichere Gefilde. Im Hinterland der Cote d‘Azur biege ich nach Westen ab und schon nach relativ kurzer Fahrt befinde ich mich auf erlebnisreichem Terrain. Mein Ziel ist die Hauptstadt des Parfums. Grasse liegt in den Hügeln nördlich von Cannes an der französischen Riviera. Die Stadt ist bekannt für ihre alteingesessene Parfümindustrie, mit deren traditionsreichem Erbe sich das Musée International de la Parfumerie im Stadtzentrum beschäftigt. Große Parfümerien wie Fragonard, Molinard oder Galimard haben nicht nur Fabrikverkäufe, sondern auch interessante Führungen im Angebot. An der Promenade von Grasse ziehe ich die Aufmerksamkeit von drei Polizisten auf mich. Einer winkt mich an sich heran. Ich habe schon ein schlechtes Gewissen und frage mich, ob ich eine Verkehrswidrigkeit begangen hätte… Weit gefehlt – der französische Polizist spricht mich auf mein Motorrad an. Klar, dass die GS1250 in den Farben der französischen Trikolore überall Aufmerksamkeit erregt. Aber dass ich von Polizisten darauf angesprochen werde – das hätte ich nun nicht erwartet.

Gerne unterhalte ich mich mit den motorradinteressierten Polizisten und frage, ob es wohl möglich wäre, das Motorrad auf die Promenade für ein Foto mit dem Hintergrund der Fragonard-Fabrik zu stellen. Die Polizisten willigen gerne ein und stehen anschließend sogar noch für ein Erinnerungsfoto bereit. Wieder einmal stelle ich fest – Polizisten sind nett, wenn man ihnen freundlich begegnet. Einer von Ihnen meint sogar nach dem Fototermin, ob ich nicht auch das historische Kongressgebäude mit Springbrunnen und Motorrad fotografieren möchte. Das Leuchten in meinen Augen interpretiert er richtig und so sperren die drei Polizisten kurzerhand für einige Minuten den Kreisverkehr in Grasse, damit ich an ein feines Foto komme. Merci beaucoup.
Im Sommer ist der Cote d’Azur schon wirklich warm. Als Motorradfahrer ist man Temperaturen von mehr als 35 Grad nicht gerne ausgesetzt. Das Thermometer hatte gestern bereits 38 Grad gezeigt – und am nächsten Tag soll es noch wärmer werden. Ich entscheide mich, der sonnenverwöhnten Küste Au-Revoir zu sagen. In der morgendlichen Kühle fahre ich die Küstenstraße Richtung Marseille entlang. In Cannes haben sie den Roten Teppich für die WorldTravelEdition ausgelegt.

Dieser Urlaubsort an der französischen Riviera, der vor allem durch seine Internationalen Filmfestspiele bekannt ist. Der Boulevard de la Croisette folgt dem Küstenverlauf und wird von Sandstränden, exklusiven Boutiquen und palastartigen Hotels gesäumt. Das Palais des Festivals et des Congrès ist ein modernes Gebäude mit rotem Teppich. Ihm gegenüber liegt die "Allée des Stars", das Gegenstück zum Walk of Fame im Hollywood. Und so, wie auch das Formel-1-Rennen in Monaco dieses Jahr nicht stattfinden konnte so gab es kein Cannes im Mai: Das weltweit wichtigste Filmfestival musste 2020 abgesagt werden. Für die Branche ein herber Verlust, gilt das Rennen um die Goldene Palme, den Hauptpreis des Filmfests an der
südfranzösischen Promenade de la Croisette, neben der Oscar-Show in Hollywood doch als prestigeträchtigstes Ereignis der internationalen Kinoszene. Naja immerhin – für meine Reisebegleiterin wurde der Rote Teppich ausgelegt und ich mache mich nun auf der Autobahn in Richtung Perpignan auf den Weg. Die Französischen Pyrenäen warten auf mich – und ich habe schon wieder ein bisschen Vorfreude auf Kurven-Rasieren und feinstes Offroad-Abenteuer.

Teil 2: Westalpen – beyond the sky

Die meisten Enduros bekommen ihr Mopedleben lang nur Asphalt unter die Reifen. Dabei gibt es in den West-Alpen durchaus abenteuerliche Schotterstrecken. Das Mekka für echter Offrader liegt im Grenzgebiet zwischen Frankreich und Italien.

Gelände-Abenteuer an der Grenze des Fahrbaren sind in Deutschland fast nur noch in künstlich angelegten Offroad-Parks möglich. Den Nervenkitzel in freier Wildbahn findet der Offroad-Enthusiast in unseren Nachbarländern, etwa auf legal befahrbaren Schotterpisten im piemontesischen Valle di Susa, in der Maira Stura sowie der Maira Varaita. Im hochalpinen Grenzgebiet zwischen Italien und Frankreich wartet auf atemberaubend steilen Pfaden eines der größten Offroad-Abenteuer, das im durchzivilisierten Europa heute noch denkbar ist. Höhepunkt im norditalienischen Enduro-Mekka: Die Kammstraßen im Varaita-, Maira- und Stura-Tal sowie die spektakulären Auffahrten zum 2.801 Meter hohen Monte Jafferau sowie auf der Assietta-Kammstraße. Hier warten bis zu 20 Prozent Steigung auf extrem schmalen und teils abgebrochenen Pfaden.

Nur einen Katzensprung von Briançon entfernt liegt im italienischen Bardonecchia der erste Offroad-Hotspot. Angekommen in dem olympischen Dorf von 2006 geht die erste Fahrt gleich auf einen Alpenklassiker mit Weitblick-Garantie. Eines der beliebtesten Ziele für Endurofahrer ist der Monte Jafferau mit seinem Gipfelfort. Ob es nun daran liegt, dass der Monte Jafferau der erste wirklich hohe Berg war, den ich vor vielen Jahren in meiner Offroad-Karriere befahren habe, oder ob es schlicht die wunderschöne Anfahrt auf diesen knapp 3000 Meter hohen Berg ist, kann ich nicht sagen. Aber alleine der Name „Jafferau“ lässt automatisch einen zufriedenen Gesichtsausdruck bei mir entstehen.

Es existieren mehrere Anfahrtmöglichkeiten, u.a. von Salbertrand und Savoulx aus. An der Strecke liegt das Fort Pramand unterhalb des gleichnamigen Gipfels. Seit 2007 ist die Strecke ab dem Abzweig von der Piste zum Fort Foens unterhalb des Vin Vert (Bivio del Vin Vert) offiziell gesperrt, gleiches gilt für die Strecke zwischen Bardonecchia und dem Fort (Westan- bzw. -abfahrt über die Skipiste).

Das alte Militärsträßchen ist nicht leicht zu befahren. Grober – zum Teil sehr lockerer Schotter machen die Fahrt immer wieder spannend. Belohnt wird man als Endurist jedoch nach jeder Kurve bzw. Wegbiegung mit grandiosen Weit- und Ausblicken. Die Schwierigkeiten bei den zum Teil sehr anspruchsvollen Passagen im oberen Teil und dem langsamen Jonglieren über dicke Steine des Monte Jafferau macht die GS 1250 Word Travel Edition mit einer Bodenfreiheit von 250 mm sehr ordentlich. Schalten ist hier nicht nötig, der zweite Gang bleibt drin und ich tuckere um die vielen steilen Serpentinen mit wenig Drehzahl langsam herum.

Die Ausblicke in das Susa-Tal sind jedes Mal atemberaubend. Leider gelingt die Befahrung des Gipfels des Monte Jafferau dieses Jahr für mich nicht. Knapp 500 Höhenmeter unter dem Gipfelfort liegt in einer Nordhang-Kurve noch ein dickes Schneebrett. Reifenspuren von kleinen Enduros zeigen zwar, dass es bereits Alpenhelden gegeben hat, die sich hier Ihren Weg freigefräst haben – ich, als Einzelfahrer mit einer dicken Kuh namens GS 1250 (vollbeladen) traue mich da nicht rüber. Das ist jetzt für mich überhaupt nicht schlimm – der Weg ist das Ziel. Ich erinnere mich, dass ich übrigens genau an dieser Stelle vor einigen Jahren – ebenfalls im Juli auch schon einmal stand und auch nicht weitergekommen. Ja – die hohen Berge – sie sind immer wieder gut für Überraschungen.
Da ich nun um den Gipfelerfolg gekommen bin nehme rasch einen weiteren Alpenklassiker unter die Stollen. Ganz in der Nähe befindet sich ein Onroad-Juwel im Grenzgebiet.

Eine wunderbare Pizza Margaritha stärkt mich für die dritte Runde am heutigen Tag.

Die Anfahrt auf den Col de Fenestre ist eine ganz besondere Angelegenheit. Mäandert die Bergstraße von Susa aus kommend erst langsam und gemächlich die Berge hinauf, so verändert sich das Profil nach ca. einem Drittel Fahrstrecke gewaltig. Nun ist die Straße nur noch einspurig und windet sich kurvenreich den Berg hinauf. Irgendwann wird der Asphalt durch groben Schotter ersetzt und man befindet sich auf der legendären Auffahrt zum Col de Fenestre. Zum großen Rad-Giro-Italia 2005 war die Spannung groß: der unasphaltierte Colle delle Finestre war am letzten Bergtag im Programm. Extra für diesen Tag wurde die Südrampe von Pourriere asphaltiert, und die Nordrampe von Susa einer Generalüberholung unterzogen. Der Belag wurde bestmöglich gewalzt, und alle Anwärter auf das rosa Trikot überstanden die Auffahrt auf Naturstraße unbeschadet. Heute präsentiert sich die Nordrampe als ruppige Angelegenheit.

Klar – jedes Jahr fahren hier viele Hundert Offroad-Fahrer mit ihren Enduros den Berg hinauf. Ein Geschwindigkeitsbegrenzungsschild am Rand des Weges irritiert mich leicht. Da gibt es tatsächlich eine Reglementierung auf 30 km/h. So etwas – denke ich mich. Oben auf dem Fenestre angekommen wundere ich mich noch mehr. Es ist Sonntag – und es sind einige Radsportler, Wanderer und Motorradfahrer hier oben. Und ein Polizist ist auch da. Er hält ein mobiles Lasergerät in der Hand und winkt mir freundlich zu. „Vent-huit“ sagt er freundlich. Achtundzwanzig denke ich… Also tatsächlich – hier werden jetzt mobile Geschwindigkeitskontrollen durchgeführt und auch gleich geahndet.

Das kann empfindlich teuer werden. Ich frage den Polizisten, wer den der heutige Tagessieger sei. Er Antwort und lächelt dabei verschwörerisch, dass dies ein junger Österreicher sei, der mit 68 km/h auf der letzten Geraden von dem Gipfel gelasert worden sei. Zudem habe das Motorrad keine Straßenzulassung – so habe er und sein Kollege (der in Zivil ein paar Meter abseits steht) das Motorrad beschlagnahmt. Jetzt muss die Staatsanwaltschaft ran. Er schätzt, dass dieses Vergehen ca. 1000 Euro Strafe mit sich ziehen wird.

Weiter geht meine Reise zu der aussichtsreichen Assietta-Kammstraße, die zu den beliebtesten Höhenstraßen der Westalpen zählt. Sie zieht sich am Kamm zwischen Valle Susa und Valle del Chisone entlang und bewegt sich in Höhenlagen zwischen 2000 und 2500 m. Der höchste Punkt liegt mit 2550 m unterhalb des Gipfels der Testa dell'Assietta (2567 m).

Die Tour beginnt am oberen Ende der Südrampe des Colle delle Finestre. Nach dem Colle dell'Assietta endet die wunderbare Strecke dann an der Scheitelhöhe des Colle di Sestriere. Die Strecke ist bis auf ein kurzes Stück am Anfang komplett geschottert, und in der Regel problemlos zu befahren. So auch heute. Voller Glück, müde und zufrieden fahre ich die letzten Meter der Assietta in Richtung Sauze d’Oulx.

Nach dem 2360 Meter hohen Col d‘Izoard, den sicher die Radsportler von der Tour de France kennen wartet ein weiteres Highligt auf mich: Der 2672 Meter hohe Col du Parpaillon. Die unbefestigte Strecke über den Col du Parpaillon verbindet Châtelard im Ubaye-Tal mit Embrun im Durance-Tal. Der berühmt-berüchtigte Scheiteltunnel des Col du Parpaillon kann es dabei in sich haben: Der Untergrund im Tunnel variiert je nach Wetter und Jahreszeit von tiefen Pfützen über schmierigen Schlamm bis zur soliden Eisplatte.

Die eigentliche Passhöhe befindet sich in 2780 Metern Seehöhe. Diese kann jedoch nicht angefahren werden, da unter dem Passscheitel ein 520 Meter langer Tunnel in 2637 Metern Höhe die Südostrampe mit der Nordwestrampe verbindet. Die Erbauung der hochalpinen Strecke durch französische Soldaten begann im Jahre 1891 und fand aufgrund der widrigen hochalpinen Verhältnisse sowie der Schwierigkeiten beim Bau des für damalige Verhältnisse sehr langen Scheiteltunnels erst nach 20 Jahren im Sommer 1911 ihren Abschluss. Landschaftlich ist diese Strecke eine der spektakulärsten Offroad-Straßen im Grenzgebiet zwischen Italien und Frankreich. Vorsicht ist allerdings in hohem Maße auf beiden Passrampen angebracht: der Untergrund der nicht randgesicherten Strecke besteht hier zum Teil aus sehr groben Schotter und kann die Fahrt zu einer schmierigen und komplizierten Route machen.

Vor mir liegt nun der Col d’Agnel der das Varaita-Tal in Italien mit dem Queyras-Tal in Frankreich verbindet. Er zählt zu den höchsten Alpenpässen nach dem Stilfser Joch und dem Col de l’Iseran und ist die höchste grenzüberschreitende Passstraße der Alpen. Wegen seiner Höhe ist er auch nur wenige Monate im Sommer befahrbar (ca. Mitte Juli - Mitte September).
Beide

Beide Passrampen sind asphaltiert, jedoch stellenweise etwas schmal und nicht immer im besten Zustand, dafür geht es auf dem für den Verkehr unbedeutenden Pass auch eher ruhig zu.
Angekommen in dem Alpendorf Sampeyre geht meine erste Tour am folgenden Tag über die aussichtsreiche Varaita-Maira-Kammstraße (VMKS), deren offizieller Name eigentlich »Strada dei Cannoni« lautet. Sie führt vom Westrand der Poebene über den Höhenzug zwischen Varaita- und Mairatal bis zum Colle della Bicocca am Fuße des Pelvo d’Elva (3064 m) und steigt dabei allmählich von 600 bis auf über 2300 m an.

Die gesamte Kammstrecke ist geschottert und zum großen Teil gut zu befahren. Einige Passagen, die im Bereich von Hangrutschungszonen liegen, erreichen aufgrund von sehr grobem und sehr losem Schotter hohe Schwierigkeitsgrade, die dem Fahrer so einiges abverlangen. Die eigentliche Kammstrecke beginnt bei Colletto di Valmala, dessen Scheitel nur ca. 100 m südlich der Straße liegt. Bis zum Colle della Ciabra tritt die Vegetation mehr und mehr zurück und es bieten sich schöne Ausblicke ins Varaita- und Mairatal. Später passiert man den nördlich der Straße liegenden Colle di Melle. Jenseits des Colle Birrone folgt der schwierigere Teil der VMKS. Nach einigen steilen und etwas ruppigen Kehren führt der Weg z.T. durch Hangrutschungszonen mit grobem Geröll, die sich über den Colle Rastcias bis fast zur Bassa d’Ajet fortsetzen. Danach wird die Strecke wieder besser. Nach grandiosen Fern- und Weitsichten kreuzt man am Colle di Sampéyre die asphaltierte Straße von Sampéyre nach Elva, die Gelegenheit bietet, sowohl ins Varaita- als auch ins Mairatal abzufahren. Die Kammstraße setzt sich von hier aus noch über 6 km fort, bis man am Colle della Bicocca den Endpunkt der befahrbaren Strecke erreicht.

Ein Blick auf die Landkarte macht mich wieder einmal auf den Col La Colletta aufmerksam. Schnell habe ich am nächsten Tag den Ausgangspunkt dieser alten Militärstraße in Acceglio angefahren und nun beginnt ein Offroad-Abenteuer auf 2830 Meter Höhe. Der Weg ist in einem schwierigen Zustand und nicht umsonst wird dieser Straße unter den „100 dangerous roads of the world“ gelistet.

Vor allem der Teil ab ca. 2500 Meter Meereshöhe ist einem sehr ruppigen Zustand der reichlich Adrenalin verursacht. Und wie das so ist – in einem Augenblick ist man noch völlig von der grandiosen Landschaft fasziniert – im nächsten Augenblick befindet man sich bereits in voller Fahrt auf diesem sehr schwierigen Endstück. Als Endurofahrer hat man gelernt: Wenn es schwierig wird – mehr Gas geben. Und wenn es noch schwieriger wird – dann noch mehr Gas geben… Und so „fliege“ quasi die letzten Meter bis zum Gipfel hinauf und schaue überwältigt in das Tal hinab. Wie immer fotografiere ich auf dem Gipfel viel und versuche die adrenalingeschwängerten Nerven zu beruhigen. Doch der Gedanke an die Rückfahrt lässt schon ein wenig Respekt aufkommen.

Nach diesen Offroad-Kilometern fühlt es sich dann wieder gut an, befestigten Untergrund zu befahren. Doch nur wenige Kilometer weiter und eine leckere Portion Spaghetti aglio e olio später befindet sich die Maira-Stura-Kammstraße.

Diese Offorad-Strecke zählt zu einem Netz ehemaliger Militärsträßchen, welche überwiegend als schmale geschotterte Fahrwege mit festem Untergrund angelegt wurden. Diese Straße verbindet die beiden Täler Maira und Stura miteinander.

Ihre Höhenlage vermittelt unterschiedliche herrliche Ausblicke. Diese knapp 40 Kilometer lange Offraod-Strecke ist sicherlich aufgrund der sich rasch wechselnden verschiedenen Bergpanoramen als einzigartig zu betrachten. Steile Auffahrten, sowie tiefe Schluchten unterstreichen die einzigartige Bergwelt.

Der nächste Tag soll ein echter Tag für Grenzgänger werden. Mannigfach wechselt die Via del Sale, die Ligurische Grenzkammstraße die Landesgrenze zwischen Italien und Frankreich.
Diese Offroad-Strecke ist die längste und abgelegenste Militärstraße, welche Moussolini zwischen den beiden Weltkriegen an seiner Grenze hat bauen lassen. Sie verläuft ausgehend vom Tendapass ca. 100 Kilometer durch unbesiedeltes Gebiet im Niemandsland. Dabei wechselt sie 27-mal die französisch-italienische Grenze, bleibt aber immer auf ca. 2000 Höhenmeter. Der beste Einstieg in die Grenzkammstraße geht wohl vom Col de Tende aus - für Enduristi ein Muss! In Denzels Schotterbibel mit Schwierigkeitsgrad 4-5 angegeben, sind diese 48 Kehren ein perfektes Warm-up für das große Abenteuer. Sind doch die oberen 24 ohne Asphalt, dafür aber ebenso steil wie die anderen. Diese alte Bergstrecke auf den Gipfel ist offiziell gesperrt, man muss sich auf dem Gipfel an einer echten Straßenbarriere bestehend aus großen Felsblöcken vorbeischlängeln. Doch auch hier muss man wieder einmal sagen – die Straßenbaumeister, die diese Strecke in kühnen Serpentinen angelegt haben müssen wahre Götter des Straßenbaus gewesen sein.

Hat man diese Anfahrt gemeistert, erreicht man das ehemalige Fort Central, welches sich wie ein Adlernest vor dem felsigen Hintergrund aufbaut. Die Ligurische Grenzkammstraße ist ein Refugium von hohem Erholungswert, eine hochalpine Strecke über 60 Kilometer, auf der nur wenige Menschen unterwegs sind. An Endurofahrer stellt die Befahrung der langen, unbefestigten Strecke abseits menschlicher Siedlungen erhebliche physische und psychische Anforderungen. An vielen Stellen ist man völlig ausgesetzt und ein Abrutschen von dem schmalen, grob geschotterten Weg würde einen Sturz von nicht selten vielen hundert Metern mit sich führen. Also – hier sollten Mensch und Maschine wirklich eine Einheit bilden. Hat man allerdings diese Strecke einmal unter den Rädern, dann kommt sehr schnell das wohlige Gefühl des durch den Körper fließenden Adrenalins: Wunderschöne Aussichten in einer sagenhaften Bergwelt lassen mich nur langsam vorankommen. Immer wieder muss ich anhalten um diese Bergwelt zu fotografieren. Die Fahrt auf dem Ligurischen Grenzkamm führt mich über Col des Seigneurs und dem Col de Saccarello nach Pigna. Hier, nur wenige Kilometer vom italienischen Mittelmeer entfernt, endet diese Tour.
Bei einer Flasche Rotwein und den vielleicht besten italienischen Spaghetti, die ich je gegessen haben, schaue ich voller Bewunderung meine Reisebegleiterin, die BMW GS1250 WordTravelEdition von Touratch an.

Dieses Motorrad, dass seit vielen Jahren Offroad-Gene aus der bayrischen Motorradschmiede kultiviert, hat Touratech noch eins oben draufgesetzt. Die Maschine verfügt über ein eigenständiges Design. Zahlreiche Komponenten sind in individuellen Farben lackiert. Die weiß-blaue-rote Lackierung – die Farben der französischen Trikolore erregen bei den Franzosen äußerst großes Interesse und Aufmerksamkeit. Technisches Highlight der Maschine ist das Fahrwerk. Die Originalfederbeine werden durch expeditionstaugliche Komponenten von Touratech Suspension ersetzt. Sämtliche Funktionen des elektronischen Fahrwerks bleiben vollständig erhalten. So wird eine wirklich schwierigere Schotter-Fahrt deutlich einfacher und sicherer. Unglaublich, was fortschrittliche Fahrzeugtechnik im Enduro-Bereich so leistet.

Die kommenden Tage sollen ruhiger werden – die Cote’Azur steht auf dem Programm, bevor es dann durch die französischen Pyrenäen in Richtung Atlantik geht.

Teil 1: Doubs – Jura und Savoyen

Eigentlich sollte man das Wort EIGENTLICH gar nicht verwenden. Es ist ein relativierendes Wort, das auch verstärkend wirken kann. Eigentlich hatte ich vor, im Sommer für drei Wochen nach Bulgarien zu reisen. Dann kam Corona. Wie bei so vielen hat sich mein Arbeitsleben dadurch komplett verändert. Als Kulturveranstalter, Coach und Trainer brachen innerhalb kürzester Zeit alle Aufträge weg – und das bis Jahresende… So weit – so schlimm. Auch die Bulgarien-Reise rückte in große Ferne, bis plötzlich Ende Mai – Anfang Juni die Reisebeschränkungen für das EU-Ausland aufgehoben wurden. Na dann – so dachte ich, fahre ich nicht nur für drei Wochen nach Bulgarien, sondern mache gleich sechs Wochen daraus und bereise auch noch Rumänien mit der Enduro… Nur wenige Tage vor dem geplanten Abreise-Datum 11. Juli überschlugen sich dann wieder die Nachrichten. Auf dem Balkan explodiert das Corona-Virus. Lokale Lockdowns wurden nicht nur angekündigt, sondern auch durchgeführt. Eigentlich - ja - eigentlich platze da gerade ein schöner Traum… ABER, meine Reisebegleiterin für Rumänien wäre eine GS1250 WordlTravelEdition gewesen – und wie ich mir so die Farben dieses Motorrads anschaue, reift die Idee mit diesem Moped, dass die Farben der französischen Trikolore aufgreifen, einmal um Frankreich herum zu reisen.

Da warten jede Menge Pässe, wunderbare Landschaften, kulinarische Höhepunkte sowie viel geschichtsträchtiges Terrain auf mich. Eigentlich ist das eine gute Idee… Und das Wort EIGENTLICH kann ja nicht nur relativieren – es kann auch verstärken. Eigentlich wollte ich immer schon einmal die Tour de France fahren (nicht mit dem Fahrrad – eher mit der Enduro!).

Am Grenzübergang in Mulhouse beginnt meine Tour de France. Schnell sind die ersten Kilometer bis Montbéliard zurückgelegt. Schnell ist relativ: Seit einigen Jahren gilt in Frankreich auf kleinen Landstraßen eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h. Da die Franzosen verstanden haben, viel zu kontrollieren, empfiehlt es sich, auch wirklich die Höchstgeschwindigkeiten einzuhalten und gemütlich die Fahrt anzugehen.

In Belfort kreuze ich dann zum ersten den Fluss Doubs, der auch gleich die folgenden Streckenabschnitt bis Besancon sein unverkennbares Gesicht und Namen gibt: Das Doubstal inn dem sich der Fluss unaufhörlich zwischen mit Wäldern bedeckten Hügeln und Felsen hindurchschlängelt ist ein echtes Fahrparadies. Auf diesem spektakulären Streckenabschnitt des bis nach Besançon gibt es viel zu entdecken: Historische Städte und Überreste der Industrie, die bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für reges Treiben in diesem Tal sorgte. Die Straße schlängelt sich eng am Fluss entlang und ich erhasche immer wieder wunderbare Weit- und Fernblicke.

Besançon ist die Hauptstadt der Region Franche-Comté, die Stadt der Kunst und der Geschichte, und liegt direkt an einer Windung des Doubs. Eine stattliche Zitadelle überragt die Stadt und verweist dabei auf eine geschichtsträchtige und wehrhafte Stadt hin. Besançon gilt als die grünste Stadt Frankreichs. Das manifestiert sich nicht nur durch sehr viele städtische Grünflächen, sondern auch durch einen ausgeprägten Natur- und Landschaftsschutz. Meine Reise geht weiter nach Arbois, der Geburtsstadt von Louis Pasteur dem großen Mikrobiologen.

Arbois bietet aber noch viel mehr. Arbois ist eine echte Genuss-Stadt und steht neben feinster Schokoladenmanufakturen auch wegen besten Käsezubereitungen bei vielen Gourmets hoch im Kurs. Arbois war weiterhin einer der ersten Weinbauorte in Frankreich, der als kontrollierte Herkunft klassifiziert wurde und zwar bereits 1936. Eigentlich könnte man den ersten Reisetag nun in Arbois ausklingen lassen - aber die Offroad-Gene der GS1250 sind geweckt und so fahren ich einen wunderbaren Trail bis zu den Cascades du Hérisson (Wasserfälle des Hérisson). Der Hérisson fließt am Ende einer Schlucht in sieben Wasserfällen aus einer Höhe von 805 Metern über insgesamt 280 m in die Tiefe. Ein markierter Fußpfad führt an zahlreichen Wasserfällen, -becken und Höhlen vorbei.

Am nächsten Tag präsentiert das französische Juragebirge in seiner schönsten Form. Auf kleinsten Sträßchen navigiert mich mein brandneues Navi Garmin XT an Pontarlier vorbei zur Quelle der Doubs in der kleinen Ortschaft Mouthe. Die Source du Doubs (dt.Quelle des Doubs) ist eine mächtige Karstquelle in einem stark verkarsteten Bereich des Juragebirges. Sie liegt im Naturpark Haut-Jura, auf einer Höhe von 937 m am Fuß der bewaldeten, bis zu 1419 m hohen Bergkette des Mont Risoux, auf der die Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz verläuft. Der Doubs entspringt einer Höhle im Felsen aus einem kleinen, etwa fünf Meter tiefen Quelltopf. Die Quelle schüttet durchschnittlich 1740 Liter pro Sekunde und ist der Ausgang eines komplexen Höhlensystems mit mehreren Siphons.

 

Von hier aus geht die Reise ganz nah an der Schweizer-Grenze weiter in Richtigen Genf, vorbei am völlig überbevölkerten Lac de Annecy nach Albertville.

Albertville ist eine französische Gemeinde mit knapp 20000 Einwohnern im Département Savoie in der Region Auvergne-Rhône-Alpes in den Alpen und ist Ausgangpunkt für die kommenden Tage durch eine wunderbare Bergwelt. Albertville steht auch heute noch ganz im Zeichen des Wintersports. Die Olympischen Winterspiele 1992 wurden vom 8. bis 23. Februar 1992 in Albertville ausgetragen. Nach den Winterspielen 1924 in Chamonix und 1968 in Grenoble fanden damit zum dritten Mal Olympische Winterspiele in Frankreich statt. Leider hält Albertville den Vergleich mit den anderen Olympia-Städten nicht stand. Die Stadt ist in die Jahre gekommen – es wird nichts mehr reinvestiert – die großen Hotelanlagen stehen wie so häufig im Sommer in Frankreich leer und machen keinen einladenden Eindruck. Geografisch ist Albertville jedoch ein Juwel für meine Tour de France. Große und namhafte Berggipfel sind in Schlagdistanz.

Gleich in der Nähe von Albertville befindet sich der Col de la Forclaz auf dessen Passgipfel eine kleiner, sehr steiniger und schmaler Weg abzweigt und dann über 80 Kilometer besten Offroad-Spaß immer mit Weitblick auf das Mont-Blanc-Massiv bietet. Das Wetter heute ist so gut, dass die Fernsicht leider zu keinem Zeitpunkt den höchsten Berg Europas mit 4810 Metern Höhe freigibt. Immer versteckt sich der Gipfel in Wolken und zieht meine Blicke dennoch magisch an.

Nach dieser schönen und nicht schwierigen Offrund-Runde wartet griffiger Asphalt auf mich: Der Col du Pré und der Roselend-Talsperre. Der Col du Pré führt von Beaufort über Arèches zum Lac de Roselend und kann somit als zweiter (nordwestlicher) Anfahrtsweg zum Cormet de Roselend angesehen werden.

Diese Region besticht durch viele Almen und unzähligen Kuhherden. Verwunderlich ist das nicht, denn die Stadt Beaufort ist Namensgeber für feinste Käsespezialitäten. Der Beaufort ist ein französischer Schnittkäse aus roher Kuhmilch, der im Osten des Département Savoie und zwei angrenzenden Gemeinden des Département Haute-Savoie in den französischen Alpen hergestellt wird. Seit 1945 ist Beaufort eine Herkunftsbezeichnung, seit 1996 eine geschützte Ursprungsbezeichnung. Der Käse schmeckt je nach Reifegrad mild bis zu sehr würzig. Besonders lecker schmeckt die Käsespezialität als Raclette-Käse oder Tratiflette, einem mit Käse überbackenen Kartoffel-Gratin.

Am nächsten Tag steht der Cormet de Roselend auf dem Programm- Onroad geht zu dem Gebirgspass mit einer Höhe von 1967 m in den französischen Alpen im Département Savoie. Die durchgehend asphaltierte Straße verbindet Beaufort im Tal des Doron mit Bourg-Saint-Maurice im Tal der Isère. Und wenn man schon einmal im legendären Val d’Isere ist, dann darf eine Anfahrt auf den Col d’Iseran nicht fehlen.

Val-d’Isère ist ein für Frankreich typischer Ort, der an Hässlichkeit kaum zu überbieten ist. Man hat fast den Eindruck, dass diese Städte ausschließlich für die Ansprüche der Skifahrer am Reißbrett entworfen wurden. Auch wenn man versucht mit Holzfassaden einen Hauch von Flair zu verbreiten, so sind diese Orte wie beispielsweise Tigne und Courchevel keine schönen Ortschaften in den französischen Alpen in der Nähe der italienischen Grenze. Der Col de l’Iseran ist mit einer Höhe von 2764 m der höchste überfahrbare Gebirgspass der Alpen. Dieser Bergpass wird auch „Der sanfte Friese“ genannt, da er sich immer höher in den Himmel hinaufschraubt und quasi nie enden möchte. Es gibt seit vielen Jahren Meinungsverschiedenheiten über das Attribut „höchster überfahrbare Gebirgspass der Alpen“. Das ist aber zweifelsohne der Col de l’Iseran. Häufig wird der Col de la Bonette mit seinen 2715 Metern Höhe genannt, die 2802 m erreicht man nur durch die Zusatzschleife, die jedoch kein Pass ist.

Albertville hat mir nun für drei Tage als Ausgangspunkt für meine weitläufigen Touren gedient. Heute verlasse die Olympische Stadt und fahren zum Col de Mottet über den ich dann auf einer sehr herausfordernden Offroad-Strecke zum Col de la Madeleine gelange.

Diese Berge sind allesamt Highlights der über 100-jährigen Tour-de-France-Radrenngeschichte. Viele Heldengeschichten haben sich auch am Col de Telegraphe sowie dem Col du Galibier zugetragen. Der Col du Galibier zählt wohl zu den bekanntesten klassischen Anstiegen der Tour de France – man kann ihn getrost in einem Atemzug mit dem Col du Tourmalet in den Pyrenäen und dem Mont Ventoux in der Provence nennen. Mit seinen 2645m Scheitelhöhe ist der Galibier zudem nicht nur der fünfthöchste asphaltierte Alpenpass sondern auch einer der kältesten Berggipfel in dieser Region. Heute, da sich die Sonne hinter dicken Wolken versteckt, zeigt das Bord-Thermometer auf knapp 2700 Metern Höhe nur frische sechs Grad. Wieder einmal bin ich echt froh, dass man Motorrad-Komfort einfach kaufen kann. Der innovative Compañero-Motorradanzug von Touratech vereint die Vorteile eines sportlichen Sommeranzugs mit dem Komfort einer wetterfesten Membrankombi. Schnell habe ich mir die Winterjacke aus meinen Koffern geholt und übergezogen und schon kann mir die Kälte nichts mehr anhaben.

Die heutige Fahrt endet in einer für Radfahrer wie auch Motorradfahrer legendären Stadt. Briançon ist mit ihrer Lage in 1326 m Höhe die höchste Stadt in Frankreich und liegt genau in der Mitte von fünf Tälern. Diese Stadt der Kunst und der Geschichte, die durch den Festungsbaumeister Vauban im 18. Jh. befestigt wurde, gehört heute zum Weltkulturerbe der UNESCO. In Briançon befindet sich eine bemerkenswerte Zahl militärischer Bauten, die zwischen dem 18. und 20. Jh. zur Verstärkung des Verteidigungssystems der Stadt errichtet wurden. Bei einem Rundgang durch die Stadt entdeckt man die Oberstadt oder die Zitadelle von Vauban, das Herzstück von Briançon, das von dem Schloß überragt wird, und auch die verschiedenen umgebenden Festungsanlagen wie das Fort Salettes, das Fort Trois Têtes oder auch das Fort Randouillet.

Ich befinde mich nun in den Westalpen. Hier gibt es aus verschiedenen (Welt-)Kriegen viele alte Militärstraßen. Genau diese Offroad-Tracks werde ich in den kommenden tagen unter die Stollenräder nehmen. Auch wenn hierbei gelegentlich das Hoheitsgebiet der Franzosen verlassen werde (manche dieser legendären Offroad-Strecken liegen auf italienischer Gemarkung) so werde ich meiner Tour die France in Richtung Mittelmeer, Cote d’Azur und Provence fortsetzen.

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