Montenegro – Rein ins Erleben…


(von Michael Hoyer) Früh morgens starte ich die Africa Twin, um „schnell“ knapp 1400 Kilometer abzuspulen. Ziel ist der Balkan – konkret Montenegro.

Am schnellsten und unkompliziertesten geht das von Süddeutschland aus über Salzburg – Slowenien – Kroatien – Bosnien-Herzegowina - hinein in das Land der schwarzen Berge. Ich als gebürtiger und wohnhafter Schwarzwälder komme mir in Montenegro gleich sehr heimisch vor. Die Landschaft ist zwar deutlich alpiner – dennoch komme ich mir fast so vor, als wenn ich in meiner Heimat wäre. Die Berge sind ebenso wenig schwarz, wie es die Bäume im Schwarzwald sind. Die Grundstimmung ist jedoch eher schroff und karg. Hier in Montenegro ist alles sehr westlich geprägt. Es gibt sogar den Euro als Zahlungsmittel. Im Hinterland befindet sich eine tolle Bergwelt. Für Offroadfahrer ein Paradies.

Mein erstes Ziel ist die kleine Stadt Pluzine, im Durmitor-Gebirge, ganz im Norden von Montenegro. Die natürliche Schönheit der Dinarischen Alpen bietet einen dramatischen Kontrast zwischen alten Wäldern, grasbewachsenen Hochebenen und alpinen Klippen. Auf dieser Hochlandroute durchqueren wir den weltberühmten Tara-Canyon, besuchen den Nationalpark Durmitor und das größte Hochplateau des Balkans (durchschnittliche Höhe 1700 m). Wir besuchen mehrere Seen von atemberaubender Schönheit, die ein wahres Fest für unsere Kameralinsen sind.

Ein erstes Quartier ist in einer der größten Städte im Norden schnell gefunden. In Zabljak gibt es jede Menge private Vermieter, Hotels und Pensionen. Wie im ganzen Land sind die Übernachtungskosten eher günstig. Im Schnitt kosten Unterkünfte von 5 Euro (ja – das ist kein Schreibfehler) bis hin zu 80 Euro im Vier-Sterne-Hotel.

Montenegro hat sowohl landschaftlich als auch kulinarisch für seine geringe Größe einiges zu bieten. Die Küche ist von vielen verschiedenen Völkern (Italienern, Österreichern, Serben, Türken, Ungarn etc.) ebenso wie durch die jeweiligen geographischen Gegebenheiten beeinflusst worden.

Die Gerichte variieren daher von Region zu Region und sind natürlich auch abhängig von den Gaben der Natur vor Ort. Am Meer ist die Küche mediterran beeinflusst und es gibt reichlich Fischgerichte, im Gebirge isst man dagegen rustikaler. Eine typische Eigenart ist das Kochen unter dem Sartsch. Der Sartsch ist ein Metalldeckel der die abgeflachte Form einer Glocke hat. Häufig wird Lamm damit gekocht. Der Sartsch wird bedeckt mit Asche und Glut. Bei dieser Kochmethode bleibt das Fleisch saftig und gibt Geschmack an die Beilagen ab. Diese alte Kochmethode aus den ländlichen Gebieten des Landes ist von den heutigen Restaurants übernommen worden. In der Ortschaft Zabljak gibt es viele kleine und sehr feine Restaurants, die genau diese Spezialtäten anbieten.

Offroad in der Tara-Schlucht: beeindruckend ist es schon, wenn man auf wenigen Kilometern manchmal über 1000 Höhenmeter in eine Schlucht auf losem Schotter zurücklegen kann. Dieses Vergnügen bietet die Tara-Schlucht an vielen Stellen. Geheimnisvoll, riesengroß und atemberaubend schön - an einem Ort wie der Tara-Schlucht gehen die Superlative nicht aus. Ohne Zweifel: die Schlucht bezaubert als eines der ursprünglichsten Flusstäler Europas. Den Namen verdankt die Schlucht dem gleichnamigen Fluss. Der längste Fluss des Landes erstreckt sich über 140 Kilometer. Über Jahrhunderte hinweg grub sich der Fluss eine tiefe Schneise ins Gebirge. Golden spiegelt sich die Sonne im glasklaren Wasser des Flusses wider.

An mehreren Ecken sind bis zu 60 Meter hohe Wasserfälle entstanden. Kaskaden und Stromschnellen säumen das Flussbett - zur Freude vieler Rafting-Fans. Die am unteren Ende der Tara gelegene Schlucht ist mehr als 1.300 Meter tief und rund 78 Kilometer lang. Hier gelangen Besucher zur tiefsten und längsten Schlucht Europas. Doch nicht nur europaweit bricht die Tara-Schlucht Rekorde. Dieses Naturschauspiel reiht sich in der Liste der größten Schluchten der Welt auf den vordersten Rängen ein. Besonders spektakulär ist die Fahrt über die Durdevica-Brücke, die aufgrund ihrer Dimensionen enorm imposant ist. Der Blick von der Brücke reicht bis in eine grauselige Tiefe von über 100 Meter Tiefe. Türkis schimmert der Fluss, der so viel Schönheit in diesen Bergen geschaffen hat. Durch die besonderen Witterungsbedingungen herrscht in dem Nationalpark stets ein angenehmes Klima. Ist es rund um die Gebirgszüge sommerlich warm, übersteigt das Thermometer in den Bergen von Durmitor nur selten die 20-Grad-Marke. Bei diesen Aussichten bereitet es doppelt so viel Freude, Ausflugsziele wie die Tara-Schlucht zu erobern.

Die Fahrt geht weiter Richtung Nationalpark Biogradska Gora, der geografischen in Mitte von Montenegro liegt. Ziel ist die kleine Stadt Kolašin. Sie ist nicht nur ein Wintersportort, sondern bietet sich auch im Sommer für Ausflüge an. Allerdings ist der Ort nur durch den hohen Crkvinepass und einer der sogenannten „dangerous roads“ - also einer gefährliche Straße - erreichbar.

Es liegt auf ca. 960 m Höhe, knapp 70 km nördlich von Podgorica entfernt. Der Ort hat ca. 3.000 Einwohner und ist ein anerkannter Luftkurort. Von hier aus kommt man in ein wahres Paradies an Offroad-Tracks die allesamt das Prädikat ANSPRUCHSVOLL genießen. Immer wieder überraschend sind die extrem steilen Auffahrten, um aus dem Tal auf die Hochplateaus zu gelangen. Da sind nicht selten Wegpassagen mit 25 Prozent Steigung und mehr, bei sehr lockerem und grobem Schotter. Mehr als einmal kam der der Gedanke „jetzt bloß nicht stehen bleiben“ in den Sinn. Und jedes Mal habe ich dann eifrig am Gashahn gedreht, damit ich diese schwierigen Passagen auch ja passiere. 

Die Berge Bjelasica und Sinjajevina rund um Kolašin bieten einen hervorragenden Rahmen für bestes Bergpanorama. Der Nationalpark Biogradska Gora (seit 1952) hat einen der letzten drei Urwälder Europas. Die Bergaugen (Gorske Oci) sind Bergseen, zu denen auch der bekannte Biogradksa Jezero gehört. Insgesamt wirkt Kolašin noch sehr orientalisch, das Rathaus und die Stadthalle sind allerdings typische Zeugnisse der sozialistischen Architektur.

Tief im Herzen der Bergwelt von Montenegro ist das Kloster Ostrog zu Hause. Erhaben ragt das Kloster im schneeweißen Farbton aus dem Felsen hervor. Heute ist kaum noch vorstellbar, dass die Menschen in der Vergangenheit den 900 Meter langen Weg zu dem Gotteshaus ausschließlich barfuß zurücklegen mussten. Doch heute haben sich die Zeiten geändert. Wer eine Anfahrt mit dem Motorrad auf der etwa fünf Kilometer langen Serpentinenstraße bevorzugt, kann diese Option auch gern wählen. In etlichen Serpentinen schlängelt sich die Straße den Berg hinauf. Heute ist das Kloster Ostrog eines der bedeutungsvollsten Klöster der serbisch-orthodoxen Kirche, zu dem Pilger aus aller Welt strömen. Reisende, Touristen und Anhänger beeindruckender Architektur wissen die außergewöhnliche Bauart des Gotteshauses mitten in einem Felsen zu schätzen. Schließlich sieht man ein Kloster wie dieses nicht alle Tage, das inmitten einer Höhle, in einer Felswand erbaut wurde

Die Offroad-Reise durch Montenegro geht weiter. Da wir uns ganz im Nord-Osten des kleinen Balkan-Staates befinden ist ein kleiner Abstecher nach Albanien angesagt, um dann wieder nach Montenegro einzureisen. Was man generell einmal deutlich sagen muss, die EU hat viele Vorteile – unter anderem die nicht vorhandenen Grenzkontrollen. Wenn man von Montenegro aus kommend – also einem Nicht-EU-Land nach Albanien – also ebenfalls einem nicht EU-Land einreisen möchte, dann dauern die Formalien bei der Grenzüberschreitung in der Regel bis zu 30 Minuten. Der Ausweis, der Fahrzeugschein – ja sogar die Grüne Versicherungskarte - werden immer akribisch geprüft. Nach dem Passieren der Grenze beginnt dann aber ein Kurvenschmaus der Extra-Klasse. Die Straße von Montenegro aus führt nach Kelmend und Han i Hotit. Diese Strecke ist ein landschaftlicher als auch fahrtechnischer Juwel für Onroad-Freude. Schnell eröffnet sich ein breites Hochtal. Am südlichen Ende steigt dieses Tal abrupt 600 Meter vom Fluss Cem steil empor. Der Ausblick, der sich hier eröffnet, ist eine der größten Attraktionen der Region. Weit unten die Cem-Schlucht mit steilen Felswänden, rundherum die eindrückliche Bergwelt des Kelmend und dahinter noch ein paar Gipfel des nördlich angrenzenden Montenegro. Von einem Fels-Balkon aus hat man den schönsten Blick in die tiefe Schlucht – ein obligater Fotostopp. Die Ende der 60er Jahre erbaute und vor kurzem asphaltierte Straße windet sich in vielen Serpentinen den Abhang hinauf. Nebenbei sei erwähnt – diese Straßencharakteristik ist dem Stilfser-Joch sehr ähnlich – nur hier in Albanien hat man diesen Kurvenrausch ganz für sich alleine.

Nach den üblichen Grenzformalitäten nähern wir uns Podgorica, der Hauptstadt von Montenegro. Zu ihren Flüssen und Brücken gehören die moderne Millennium-Brücke über den Fluss Morača und die Steinbrücke über den Fluss Ribnica. Der jahrhundertealte Uhrturm, der von den Türken errichtet wurde, dominiert die Altstadt. Im Zeta-Skadar-Tal, südlich der Stadt, befinden sich im Nationalpark Skutarisee mittelalterliche Klöster, Strände und Vogelarten, wie den Krauskopfpelikan. Leider – ja wirklich leider - muss man sagen, dass Podgorica keine sehr schöne Hauptstadt ist. Die sozialistische Vergangenheit schlägt auch heute noch voll durch. Viele ungepflegte Hochhäuser beeinflussen das karge Stadtbild.

Mich zieht es weiter zu einem spektakulären landschaftlichen Hotspot. Das kleine Städtchen Virpazar ist ein kleines Fischerdorf, auf dem Weg zwischen Podgorica und der montenegrinischen Küste gelegen. Da wo der Fluss Crmnica in den Fluss Orahovstica endet und in den Skutarisee mündet.

Im Frühling während des hohen Wasserstands im Skutari See wird Virpazar zu einer Insel, die mit ihren drei alten, steinernen Brücken mit dem Festland verbunden ist. Das Dorf liegt im Zentralraum von Crmnica, einer fruchtbaren Region deren Klima günstig für den Anbau von Weinreben, Oliven, Obst und Gemüse ist. Virpazar ist auch der Startpunkt der meisten Bootstouren am Skutarisee. Die Kulisse aus Fluss und See, sanften Hügeln und saftiger Vegetation ist in Verbindung mit der dünnen Besiedlung Balsam für jede gestresste Seele.

Und weiter geht es Onroad zu der der uralten Stadt Stari Bar im Süden Montenegros. Hier wurden im Lauf der Jahrhunderte von verschiedensten Völkern prachtvolle Gebäude errichtet. Heute ist es nicht viel mehr als eine Ruinenstadt. Dennoch zählt sie zu den kulturhistorisch wertvollsten Stätten Montenegros. Das "alte Bar" liegt in Montenegro, einige Kilometer von der Küstenstadt Bar entfernt, am Fuß des Küstengebirges Rumija. Die uralte Stadt wurde bereits vor über 2.000 Jahren gegründet, hatte zu Spitzenzeiten 4.000 Einwohner und prachtvolle Bauten, errichtet durch die verschiedensten Herrscher. Heute ist Stari Bar verlassen und von den Gebäuden sind nur noch Ruinen übrig, doch einige von ihnen wurden restauriert und können besichtigt werden.

Und ab hier könnte man fast sagen, dass Montenegro tatsächlich touristisch ist. Der Norden und der Nord-Osten sind eher für Wanderer, Naturliebhaber und Enduristen interessant - der Süden ist durchaus mediterran geprägt. Das nächste Ziel ist die legendäre Bucht von Kotor. Jedoch bevor man diesen einzigartigen Fjord im Mittelmeer erreicht, passiert man das Gebirgsdorf Njeguši. Diese Ansammlung von ein paar Hundert Häusern und Bauernhöfen ist besonders berühmt für seine kulinarischen Spezialitäten. Der Schinken ist genauso bekannt, wie der Schwarzwälder Schinken bei uns, und schmeckt sogar ganz ähnlich. Nach einem wunderbaren Mittagessen erreiche ich dann die atemberaubende Bucht von Kotor.

In Montenegro wird sie auch als südlichsten Fjord von Europa bezeichnet. Sie beeindruckt durch ihre traumhafte Symphonie aus schroffen Steilhängen, kauernden Siedlungen zu ihren Füßen und der smaragdgrün glitzernden Adria. Diese atemberaubende Bucht liegt an der südöstlichen Adriaküste und wird von steilen Berghängen gesäumt. Für viele ist die Bucht von Kotor das schönste Fleckchen an der Adria-Küste. Aufgrund ihrer landschaftlichen Schönheit ist sie eine der wichtigsten Attraktionen in Montenegro und wird von vielen Adria-Kreuzfahrtschiffen angelaufen. Gemeinsam mit der Bucht von Risan zählt sie seit 1979 zum Weltnaturerbe der UNESCO.

Ganz am Schluss meiner Montenegro-Reise wird es dann noch einmal richtig rau und hart. Eine Offroadrunde. Man darf diesen Weg nicht missen. Er führt auf alte Militärstraßen bergauf zu verschiedenen Gefechtsplätzen und Kasernen aus früheren Kriegen. Entlang des Weges fährt man an Ruinen von Unterkünften und Stallungen vorbei. Auf den nahegelegenen Gipfel sieht man zerbombte Forts. Diese Runde hat mir noch einmal alles abgefordert. In Montenegro ist es häufig so, dass Wege in den teilweise eiskalten Wintermonaten einfach abrechen. Diese Wege werden dann ganz notdürftig wieder instandgesetzt und machen die Fahrt zu einem wirklichen Abenteuer. Belohnt wird man immer wieder mit fantastischen Weit- und Ausblicken.

So dies und das: Land und Leute.

Montenegro hat ca. 650.000 Einwohner. Die meisten Menschen leben in den Städten, dadurch ist es in den Bergen meist einsam. Es gibt einige große Teerstraßen, oft aber sind es ungeteerte Gebirgssträßchen. In den Städten herrscht ein reges Treiben. Die Leute sind hilfsbereit, sprechen teilweise Englisch, selten auch Deutsch. Montenegro ist ein armes und zugleich reiches Land. Arm an wirtschaftlichem Erfolg und Luxus – reich an Menschlichkeit und Gastfreundschaft. Ich war das erste Mal in Montenegro, vielleicht gibt es im Sommer am Meer Diebstähle, da ist es übervoll mit Touristen, im Landesinneren habe ich nie etwas davon gehört.

In Montenegro gibt es in den größeren Dörfern meist Hotels oder Gästehäuser, die Preise liegen bei 5 Euro bis 80 Euro, je nach Kategorie. Für die naturverbundeneren Motorradreisenden gibt es auch jede Menge schöne Campingplätze

Aufgrund des mediterranen Klimas kann man 8 Monate im Jahr Offroadtouren fahren. Juni, Juli, August und September sind schon die besten Reisemonate, da in dieser Zeit die Berge eine schneefreie Wettergarantie bieten. Aber Vorsicht – in dieser Zeit steigt das Thermometer auch schnell auf über 40 Grad. An dieser Stelle sei einmal das hohe Lied der guten Bekleidung gesungen. Man kennt ja den Spruch – es gibt kein schlechtes Wetter – es gibt nur schlechte Kleidung. Aber was macht man, wenn das Wetter „zu gut“ ist…? Der Companero von Touratech beschert mir ja seit vielen Jahren beste Dienste. Bei hochsommerlichen Temperaturen von teilweise auch über 40 Grad ist Offroad in schwerem Gelände kein Zuckerschlecken. Wenn einem dann noch der Schweiß aus allen Poren dringt, dann wird das Abenteuer sehr schnell zu einer Schur. Gut, dass der Companero über ein leichtes Mash-Gewebe, bei gleichzeitig höchster Sicherheit, verfügt.

Der Verkehr in Montenegro ist nicht ohne. Noch nie habe ich ein Land bereist, in dem ich mich als Motorradfahrer unwohler gefühlt hätte. Die PKWs und LKWs sind überhaupt nicht auf Motorradfahrer eingestellt. Sehr häufig wird am Lenkrad telefoniert und die Fahrer der großen Blechbüchsen nehmen es mit der Spurtreue nicht so genau. Da wird schnell mal die gesamte Fahrbahn ausgenutzt. Blöd, wenn man dann als Mopedfahrer gerade um eine Kurve kommt. Daher gilt stets äußerste Wachsamkeit. In den Städten gibt e viel Verkehr, außerhalb wird es ruhiger, gar einsam.

Kategorie: Adventure | Travel